Das Reich Gottes ist schon da

Predigttext: Lk 17,20-21 (Basisbibel) Die Pharisäer fragten Jesus: »Wann kommt das Reich Gottes? «Jesus antwortete: »Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man es an äußeren Anzeichen erkennen kann. Man wird auch nicht sagen: ›Schau her, hier ist es!‹, oder: ›Dort ist es!‹ Nein, das Reich Gottes ist schon da –mitten unter euch.«  

Text/Thema: Lukas 17,20-21

Predigt vom 24.01.31 S-HK (online) [Markus Bauder]

Eine Sache, die bei einem Pastor relativ häufig vorkommt, ist die Frage: worüber könnte ich am kommenden Sonntag predigen? Ihr wartet darauf, dass ich etwas Gescheites mitgebracht habe und ich frage mich vorher, was soll das sein? Diesmal? Am kommenden Sonntag? Heute?

Beim Suchen nach einer Antwort bin ich auf einen Satz gestoßen, der mich fast sofort hellhörig gemacht hat. So wie das halt manchmal ist: angestupft, angepiekst, oder wie man heute sagt, angetriggert.

Da geht es um die Antwort Jesu auf eine Frage der Menschen seiner Zeit: Wo und wann kommt denn nun das Reich Gottes? Das Himmelreich?

Die Menschen sagten zu Jesus: Du redest immer von Gott. Du meinst, dass sich Gott für uns interessiert? Du sagst, dass Gott nahe ist. Und dass wir umkehren sollen, weil nun Gottes Reich kommt. Aber wo ist es denn jetzt? Ist es in Jerusalem? In Israel? Und wann beginnt es? Eher morgen? Oder eher irgendwann in der Zukunft? Oder erst nach dem Ende der Zeiten?

Und Jesus sagt: Das Reich Gottes, das Himmelreich, ist schon da – mitten unter euch. Wow. … ist mitten unter euch. Also Gegenwart. Jetzt. Heute. Also mitten unter denen damals. Und mitten unter uns heute. Mitten unter euch, die ihr gerade zuschaut. In euren Wohnungen. In euren Familien. Hier in der Hoffnungskirche. Oder in Stuttgart. In Berlin. In Hamburg. Ja sogar in Österreich.

Oder in Amerika. Vielleicht sogar in China oder Russland.

Und ziemlich sicher ist das „mitten unter euch“ gar nicht nur geografisch gemeint. Sondern auch zeitlich, inhaltlich. Z.B. mitten in eurer gegenwärtigen Zeit. In der Pandemie. In Zeiten von Corona. In Zeiten von Krankheit. Im Alten- und Pflegeheim. Oder in Zeiten der Suche nach einem Arbeitsplatz. In Zeiten von Homeschooling, und Homeoffice. In Zeiten von Feierabend. In der Nacht. Wenn Besuch kommt. Wenn er nicht kommt.

Und wie das so ist, wenn einen ein Thema antriggert, dann stürmen die Fragen und Gedanken nur so auf einen ein:

  • Reich Gottes, Himmelreich mitten unter euch? Aber was soll denn das?
  • Was ist das überhaupt? Von was reden wir denn da?
  • Und was bringt uns das? Hilft uns ein solcher Gedanke überhaupt in unserer Zeit?

Ganz abgesehen von der Frage, ob es Euch interessiert…

Angesprochen hat mich dieses Thema natürlich deshalb, weil ich mit dem Begriff Reich Gottes oder Himmelreich etwas Gutes verbinde. Das hat etwas von einem Sehnsuchtsort. Ein Ort, ein Raum, wo ich selbst sein will. Wo ich denke, dass es richtig gut dort ist. So wie man sich den Himmel auf Erden vorstellt oder wünscht. Ich stelle mir vor, dass im Reich Gottes alles in Ordnung ist. Da bin ich glücklich. Da will ich sein. Da ist Himmel und Erde im Gleichgewicht. So wie es von Anfang an gedacht war.

Das ist ein Ort des Lebens. Für alle. Da geht es irgendwie auch allen gut. Da ist der Hass in dieser Welt überwunden. Und der Tod. All das, was das Leben schwer macht oder zerstört, ist da nicht. In diesem Himmelreich ist es, wie gesagt, himmlisch.

Und ich stelle mir natürlich auch vor, dass da im Grunde alle Menschen hinwollen. Alle. Vielleicht gibt es Zugangsbeschränkungen, aber hin wollen letztlich alle.

Das Himmelreich ist übrigens gar nicht so selten: allein in Deutschland gibt es 17 Orte, mindestens 8 Berge oder Erhebungen und weitere 7 Landschaften, die so heißen: Himmelreich. Zusätzlich gibt es unzählige Höfe und Restaurants, Campingplätze, ….

Himmelreich. In Stuttgart gibt es kein Himmelreich, aber eine Himmelsleiter (das ist die Straße zum früheren Zazenhäuser Bahnhof, heute Haltestelle Himmelsleiter, ich glaube in Freiberg). ….

Das Himmelreich, das Reich Gottes ist da – mitten unter euch.

Ach wär das schön…

In der Bibel gibt es unterschiedliche Vorstellungen davon, wie man sich das Himmelreich, oder das Reich Gottes vorstellen soll.

Allen Vorstellungen gleich ist, dass Gott bestimmte Vorstellungen und Werte hat, die in seinem Reich gelten. Gerechtigkeit z.B. oder Liebe, Gnade, Barmherzigkeit. Dort ist das Leben, Frieden, Heimat. Die Welt ist heil. Der Mensch ist heil. Und bestimmte Werte gelten dort nicht: Hass, Wut, Egoismus, Lieblosigkeit, Gewalt, Unheil…

Wichtig ist auch, dass wir motiviert werden sollen, jetzt schon nach diesen Werten zu leben. Uns gewissermaßen auf dieses Reich Gottes vorbereiten und an ihm orientieren. Weil wir etwas für Gott tun wollen. Weil wir so leben wollen, wie er es will. Und weil wir überzeugt sind, dass das, was im Himmelreich gilt, das Beste für uns Menschen ist. Es ist eben dieser Sehnsuchtsort, an den es im Grunde alle Menschen hinzieht. Dafür setzen wir uns jetzt schon ein. Was dann durchaus Konsequenzen hat für unser soziales, politisches oder gesellschaftliches Leben.

In der Antwort geht Jesus einen bemerkenswerten Schritt weiter als an anderen Stellen im Neuen Testament, wo dieses Reich Gottes zwar nahe, aber doch irgendwie noch nicht da ist: das Reich Gottes ist da – mitten unter euch. Nicht in euch. Und auch nicht irgendwann in der Zukunft. Nein, es ist jetzt unter euch. Es ist jetzt. Und es braucht dazu mehrere. Euch. Es ist nicht einfach in den Menschen, sondern zwischen den Menschen.

Man kann sagen, dass das Reich Gottes, das Himmelreich ein Beziehungsbegriff ist. Das Himmelreich qualifiziert damit eine Beziehung, ein Beziehungsgeschehen.

Einfach ausgedrückt: Gottes Reich ist dort, wo Menschen auf eine Weise miteinander leben, dass Gott das gut findet. Gott sieht das und sagt: ja, genau so habe ich mir das gedacht. Weiter so. So wird das gut. So wollte ich das immer haben.

Die beiden für mich spannenden Fragen sind jetzt:

  1. Hat Jesus recht?
  2. Und woran machen wir das fest?

Hat Jesus recht? Wenn ja, dann müsste dieses Reich Gottes ja auch wirklich da sein. Mitten unter uns. Zwischen dir und mir. Zwischen euch in den Familien. In den Gemeinden. Am Arbeitsplatz. Unter Nachbarn. In Stuttgart. In Berlin. Usw. Dann müsste es in unserer Welt Dinge und Situationen geben, bei denen Jesus im Himmel sagt: Ja, das ist gut. Genauso haben wir uns das vorgestellt. Macht weiter so. Wenn ihr so miteinander lebt, ist das gut.

Die Frage, die sich daraus ergibt, ist: Kann man das auch erkennen? Oder beschreiben? Und woran würde man das festmachen?

Jesus warnt zwar im gleichen Absatz davor, das Reich Gottes genau zu benennen, er sagt, man kann gerade nicht sagen: Schau her, hier ist es. Oder „Dort ist es“. Es bleibt also trotz meiner Frage ein Geheimnis.

Trotzdem: Könnte man es nicht doch an irgendetwas festmachen, dass das Reich Gottes, das Himmelreich mitten unter uns ist?

Weil ich euch jetzt nicht direkt fragen kann, überlege ich, was ihr und ich jetzt antworten würden.

Vielleicht sagt Ihr: Himmelreich ist auf dieser Erde überall dort, wo Jesus auch mit dabei sein könnte und es auch gerne wäre. Vielleicht im Gottesdienst. Oder wo wir beten. Wo wir in seinem Namen zusammen sind. Wo wir ihn loben und ihm danken.

Mit Sicherheit ist dort Himmelreich oder Reich Gottes.

Aber ihr denkt vermutlich auch weiter und überlegt, was Jesus in seinem Leben auf der Erde alles gutgeheißen hat. Was ihm wichtig war.

Zum Beispiel hat er sich der Kranken und Ausgestoßenen angenommen und sie geheilt. Reich Gottes ist also vermutlich auch dort, wo Menschen sich umeinander kümmern, wo Krankheiten geheilt werden.

Oder wo Gerechtigkeit herrscht. Jesus hat zwar die Armut nicht aufgelöst, aber Reichtum fand er schwierig. Wenn Menschen ihren Reichtum nicht für andere eingesetzt haben, hat er eher den Kopf geschüttelt. Also können wir vermuten, dass Reich Gottes dort ist, wo Menschen geholfen wird und Armut gelindert wird. Wo ein Ausgleich der Güter stattfindet und Chancengleichheit herrscht.

Wir können auch davon ausgehen, dass es Gott wichtig ist, dass wir seine Erde bewahren und die Schöpfung nicht zerstören. Reich Gottes ist also auch dort, wo wir im Einklang mit der Schöpfung leben und Gottes Erde eher bewahren als zerstören.

Oder ihr denkt, Gott ist es wichtig, dass Beziehungen gelingen und Leben gefördert und gepflegt wird.

Oder dass Gewalt und Tod keine Mittel sind, Ideen und Ziele durchzusetzen.

Mir sind in diesen Tagen, in denen alles oft voll ist, mit schlechten Nachrichten auch Nachrichten begegnet, die mich an das Reich Gottes erinnern. Zumindest habe ich für mich einen Zusammenhang hergestellt. Weil es gute Nachrichten sind. Und sie hat mir gutgetan haben. Ich kann mir tatsächlich vorstellen, dass Jesus im Himmel sitzt und sagt: Ja, das ist gut. Weiter so. So wollen wir es haben…

Gefunden habe ich die Beispiele bei Future Mind, einer Kolumne von Matthias Horx, einem Zukunftsforscher. Er hat mir erlaubt, euch die guten Nachrichten weiterzugeben. Nur 4 von fast 40 will ich hier erwähnen:

1. Die WHO meldete 2020 den geringsten Level von Malaria-Fällen aller Zeiten, ein Rückgang von 60 Prozent in 20 Jahren. Zwischen 2000 und 2019 wurden so 1,5 Milliarden Erkrankungen und 7.6 Millionen Tote vermieden. www.who.int

2. Der globale Terrorismus-Index 2020 stellte fest, dass die Anzahl der Terroropfer weltweit im fünften Jahr in Folge fällt – in 130 Ländern hat sich die Terrorismus-Lage entspannt. www.visionofhumanity.org

3. Die UNESCO gibt bekannt, dass seit 1995 der Anteil der Mädchen, die Schulbildung genießen, von 73 auf 89 Prozent weltweit gestiegen ist. Das sind 180 Millionen Mädchen mehr im Schulsystem und dreimal so viel junge Frauen an Universitäten. en.unesco.org

4. Eine neue Studie zeigt, dass sich die Luftqualität in Europa dramatisch verbessert hat – etwa 60.000 Menschen weniger starben durch Feinstaub und andere Luftbelastungen (2009-2018). www.eea.europa.eu

Wie gesagt: nur 4 von fast 40 guten Nachrichten. Mir zeigen diese Nachrichten nicht nur, dass wir sehr oft nur auf das Schlechte schauen, sondern auch, dass Gott handelt und Menschen als seine Nachfolgerinnen und Nachfolger in seinem Sinn unterwegs sind. Vielleicht nicht immer in seinem Namen, aber in seinem Sinn.

Ich will mich davor hüten, mich hier klar festzulegen. Das Reich Gottes ist kein weltliches Reich. Es bleibt oft ein Geheimnis und wir können es auch nicht einfach so aufrichten. Wir sowieso nicht. Und vieles entdecken wir erst im Zurückschauen.

Aber es gibt Zeichen, die uns Mut machen. Die Hoffnung wecken. Die uns motivieren, weiterzumachen. Machen wir die Augen auf, schauen wir genau hin. Seien wir Gott dankbar für alles, was in seinem Sinn geschieht. Und legen wir unseren Teil dazu. Damit wir öfter erkennen und dankbar sagen: das Reich Gottes ist tatsächlich da – mitten unter uns.