dusiehstmichGott

(Judith Bader-Reissing)

In Zeiten in denen ich nicht gesehen werde und ich niemanden sehe,
in Zeiten, die bedrohlich sind und ich einiger meiner Grundrechte beraubt bin,
in Zeiten, in denen ich das Gefühl habe in vielerlei Hinsicht gefährdet zu sein,
fällt plötzlich – wie ein Geschenk des Himmels – dieser Vers in meine Gedankenwelt!
Du bist ein Gott der mich sieht!

Du bist ein Gott der mich sieht!
Diesen Satz finde ich in einer Erzählung im Alten Testament wieder. Es ist die Geschichte von Hagar, der ägyptische Magd Sarahs, der Ehefrau Abrahams:

Sarah und Abraham sind schon seit Jahren kinderlos. Sarah kommt damit nicht klar. So schickt sie Hagar zu Abraham ins Ehebett. Sie müssen unbedingt zu einem Sohn kommen. Und tatsächlich klappt es auf Anhieb. Hagar wird schwanger und überheblich, Sarah wird verbittert und wütend und Abraham soll schlichten. Seine Entscheidung „tu was du willst“ nutzt Sarah auf ziemlich üble Weise aus und demütigt Hagar so sehr, dass ihr nur die Flucht in die Wüste bleibt. Das klingt nach großer Verzweiflung! Allein und schwanger in die Wüste fliehen…

Unterwegs trifft Hagar an einer Wasserstelle einen Engel, der mit ihr ins Gespräch kommt. Er beurteilt nichts. Aber er weiß: sie wird hier nicht überleben. Er empfiehlt oder befiehlt ihr demütig zu sein, zurück zu kehren und Sarahs Launen zu erdulden. Es gilt auszuhalten was auszuhalten ist. Er verheißt ihr einen Sohn, der wie ein Wildesel sein wird und den sie Ismael nennen soll. Außerdem würde sie noch unzählige Nachkommen haben.

Hagar zweifelt keine Sekunde an diesen Verheißungen und der Empfehlung:
1.Mose 16,13: sie nannte den Namen des HERRN, der mit ihr redete: Du bist ein Gott, der mich sieht. Denn sie sprach: Gewiss hab ich hier hinter dem hergesehen, der mich angesehen hat.

Hagar erkennt in ihrem Gesprächspartner Gott selbst.
Sie nennt ihn: „Du siehst mich-Gott“, denn sie merkt:
Er kennt mich.
Er spricht mich mit meinem Namen an.
Er weiß wer ich bin und woher ich komme.
Er kennt meine Geschichte mit Sarah.
Er selbst verheißt mir einen Sohn,
er kennt seinen Namen und seine zahlreichen Nachkommen schon.

Plötzlich spürt Hagar und plötzlich spüre ich:
Hier ist einer, dem ich nicht unbekannt bin.
Hier ist einer, der meine Verzweiflung sieht.
Hier ist einer, der meine Einsamkeit kennt.
Hier ist einer, der um mein ängstliches Herz weiß.
Hier ist einer, der meine vielen Gedanken liest.
Hier ist einer, der sieht, dass ich fliehen und all dem Ungewissen und der Bedrohung entkommen möchte.

Und:
Hier ist einer, der mich mit all dem wahrnimmt.
Hier ist einer, der mir die Kraft zum Durchhalten und Aushalten schenken will.
Hier ist einer, dem ich nicht egal bin.
Hier ist einer, der mich sieht!

Hagar hatte die Wahl. Sie hätte in der Wüste bleiben können um sich dort ihrem Schicksal zu ergeben. Aber sie geht zurück und hält aus was auszuhalten ist. Sie vertraut darauf, dass der Gott der sie sieht, sie nicht aus dem Blick verlieren, sondern mit ihr sein wird, in allem was kommt.

Deshalb werde auch ich mein Gesicht dem zuwenden, der mich sieht. –
Dem hinterhersehen, den ich zeitweise aus dem Blick verliere. –

Darauf vertrauen, dass der „du siehst mich Gott“ mich schon immer im Blick hatte, mich zu jeder Zeit liebevoll anschaut, auch in Zukunft seine Augen nicht von mir abwenden und mit mir sein wird, in allem was kommt.

Du bist ein Gott, der mich sieht!