Herz geschenkt!

Jahreslosung im Verlag am Birnbach - Motiv von Stefanie Bahlinger, Mössingen
Jahreslosung im Verlag am Birnbach - Motiv von Stefanie Bahlinger, Mössingen

Ansprache zu Hesekiel 36,26

von Mareike Bloedt
Hoffnungskirche am 08.01.2017
Friedenskirche am 15.01.2017

Liebe Gemeinde,

wenn ich als Kind oder Teenager etwas angestellt habe, ist es mir immer sehr schwer gefallen das zuzugeben. Ich habe genau gewusst, dass ich etwas angestellt habe, aber es ist einfach viel einfacher gewesen, jemand anderes die Schuld zu geben. Als Kind musste mein Bruder häufig als Sündenbock herhalten.

Aber auch heute noch, ertappe ich mich immer wieder dabei, einen Sündenbock zu suchen. Jemand anderes für meine Schuld oder Fehler verantwortlich zu machen. Vielleicht kennen sie das ja auch.

Doch wissen Sie, woher diese Sündenbock-Tradition eigentlich kommt?

Der Sündenbock kommt aus der Bibel. Er ist nämlich zutiefst biblisch.

Zu Zeiten des Volkes Israel hat es – genau wie heute – viel Krieg und Streitsucht gegeben. Die Leute haben sich gegenseitig bekämpft, gestritten, sich betrogen und ungerecht behandelt. Dieses moralische Fehlverhalten an sich ist keine Sünde. Doch die Sünde ist, dass dieses Fehlverhalten, das Volk immer weiter von Gott entfernt hat. Die Streitsucht, der Neid und die Kriege haben die Beziehung zwischen dem Volk und Gott immer mehr gestört.

Das Volk Israel hat geglaubt, dass sie diese gestörte Beziehung zwischen Gott und seinem Volk wieder gutmachen können, wenn sie einen Sündenbock in die Wüste schicken.

Ja, in der Tat, haben die Israeliten einmal im Jahr, am großen Versöhnungstag, einen Bock rituell mit den Sünden und der Schuld des Volkes beladen. Dieser Bock wurde dann in die Wüste geschickt. Dort ist der Sündenbock dann kläglich verhungert und die Sünden sind sozusagen in der Wüste gestorben.

Neben dieser Sündenbock-Tradition haben die Israeliten noch andere Methoden angewandt. Stets haben sie dabei geglaubt, dass sie so die gestörte Beziehung wieder gut machen könnten. Es hat Tempelkulte gegeben und rituelle Handlungen.

Doch all diese Bemühungen und Bestrebungen die Sünden abzulegen sind ins Leere verlaufen.

Der Krieg, die Missgunst und die schlechte Beziehung vom Volk Israel zu seinem Gott sind bestehen geblieben.

Der Prophet Hesekiel beschreibt, wie schließlich Gott das gestörte Verhältnis zu seinem Volk in Ordnung bringen möchte. Gott schlägt eine Herztransplantation vor. Denn er sagt: „Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch. Ich nehme das Herz von Stein aus eurer Brust und gebe euch ein Herz von Fleisch.“

Das klingt radikal.

Eine Herztransplantation ist an sich ein medizinischer Begriff, der mich in erster Linie an einen sterilen OP-Saal im Krankenhaus denken lässt. An einen Menschen, der auf ein Spenderorgan angewiesen ist und um sein Leben ringt und an einen Menschen, der gestorben ist und deshalb das Organ zu Verfügung stellen kann.

Eine Herztransplantation wird durchgeführt, wenn das Herz nicht mehr funktionsfähig ist. Ein neues, lebendes Herz muss her, wenn das Herz abgestorben ist und nicht mehr die vorgesehene Leistung bringt.

Ich erinnere mich noch gut, als wir im Kreis junger Erwachsener zu meiner Studienzeit über Organspende gesprochen haben. Wir haben Pro und Contra der Organspende diskutiert.

Ich weiß, dass ich in meinem Organspende-Ausweis angegeben habe nahezu alles zu spenden. Aber mein Herz werde ich nicht spenden. Aus medizinischen Gründen gibt es dafür keine Gründe für mich. Medizinisch gesehen ist es sehr wichtig, dass Menschen nach ihrem Ableben Organe spenden und bereitstellen. Oder, wenn sie das nicht wollen, das deutlich kommunizieren und schriftlich festhalten. Doch für mich schwingt beim Herzen noch viel mehr mit als nur, dass es ein Organ ist. Vielleicht liegt das an meinem theologischen Hintergrund.

Im Hebräischen steht das Wort Herz für den Sitz des Lebens. Es ist das Wort für den Verstand, die Intelligenz, die Weisheit, die Erkenntnis, ja schlicht das Leben in seiner Ganzheit. Das Herz ist so viel mehr.

Und vielleicht fällt es mir gerade deshalb so schwer dieses Organ einmal spenden zu müssen. Organspende ja, aber mein Herz nein.

Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch.
Jahreslosung im Verlag am Birnbach – Motiv von Stefanie Bahlinger, Mössingen

Doch zurück zur göttlichen Herztransplantation. Gott spricht uns durch Hesekiel in der Jahreslosung für 2017 zu: „Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch. Ich nehme das Herz von Stein aus eurer Brust und gebe euch ein Herz von Fleisch.“

Was hat es damit auf sich? Was bedeutet das? Dem wollen wir nun nachgehen:

Schaut man sich den Zusammenhang an, aus dem die diesjährige Jahreslosung entnommen ist, so stellt man fest, dass Gott hier zunächst einmal richtig Klartext spricht.

Gott spricht seinem Volk zu: Ihr seid eine einzige Enttäuschung. Allein schon euer Handeln: Es stimmt vorne und hinten nicht. Ungerechtigkeit und Blutvergießen prägt euer Verhalten untereinander. Und eurem Gott gegenüber zeigt ihr offenes Desinteresse – andere Götter sind euch wichtiger. Ob es nun irgendwelche fremden Fruchtbarkeitsgötter oder euer eigener Wohlstand ist, den ihr zu eurem Gott macht. Ich scheine für euch  nicht mehr zu zählen.

Darum habe ich euch als Land auch in die Katastrophe geschickt: Die Eroberung Jerusalems durch die Armee der Babylonier ist meine Reaktion auf euer dauerndes Fehlverhalten gewesen. Darum liegt nun euer Land in Trümmern. Darum sind viele von euch jetzt nach Babylon ins ferne Ausland verschleppt worden – weil ihr nicht gehört habt!

Und jetzt? Jetzt seid ihr mir immer noch peinlich. Die fremden Völker sagen: “Schaut euch diese Israeliten an, da reden sie davon, dass sie einen wunderbaren Gott haben, und in Wahrheit sind sie total am Ende.” Sogar dadurch macht ihr meinen Namen – den Namen Gottes – zur Schande.

Ich finde: In diesen Zeilen, vor unserer Jahreslosung, spürt man förmlich die Wut Gottes über dieses Volk. Das Volk, das gerade alles falsch macht und bei dem alles, was schief gehen kann, wirklich schief geht.

Eigentlich hätte ich erwartet, dass Gott mit seinem Volk jetzt so richtig abrechnet und Schluss macht. Sie vernichtet. Doch es kommt ganz anders: Die Wut, die man hier spürt, wandelt Gott nicht in Zerstörung, sondern in Wiederaufbau. Auch, wenn es das Volk eigentlich nicht verdient hat.

Gleich zweimal betont Gott: Ich mache das nicht um euretwillen, sondern um meines heiligen Namens willen.

Um meines heiligen Namens willen. Gottes Name ist Programm. Er steht für etwas … dafür, dass er als Gott Liebe übt, dass er barmherzig ist, dass er für das Gute steht. Das ist sein Heiliger Name! Der Barmherzige, der Liebende, der Gute, der Allmächtige! Und das lässt er sich von niemand kaputt machen. Auch nicht von so einem störrischen Volk. Niemand soll sagen können, dass Gott sich hier nicht selbst treu gewesen wäre.

Darum verheißt er in diesen Zeilen einen Wiederaufbau des Landes. Die verschleppten Israeliten werden aus den fremden Ländern zurückkommen. Die Stadt Jerusalem wird wiederaufgebaut. Die Äcker werden wieder bewirtschaftet, die Menschen werden wieder von ihrer Hände Arbeit leben können. – Und so, wie es der Prophet verheißen hat, so ist es einige Jahre später wirklich gekommen. Das Wunder, das viele nicht für möglich gehalten haben, ist geschehen!

Doch das größte Wunder, das in der Rede des Propheten angekündigt wird, sind die  Worte der Jahreslosung: „Gott spricht: Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch.“

Gott spricht den Menschen hier zu: Ich verändere euer Herz!

Denn nur, wenn sich im Herzen der Menschen etwas verändert, kann sich die Welt zum Besseren wandeln.

Nicht umsonst, sagen manche Verliebte zueinander: „Ich schenke dir mein Herz!“ – Genauso spricht Gott hier zu seinem Volk. Er sagt nicht: Ich vernichte euch! Sondern er sagt: Ich liebe euch. Ich schenke euch mein Herz. Ein neues Herz.

Und dieses neue Herz ist nicht mehr hart und aus Stein. Es ist aus Fleisch und lebendig. Es pulsiert und ist voller Leben. Es ist ein sensibles Herz. Ein Herz, das offen für Emotionen ist. Das Angst empfinden kann und Freude. Das neue Herz, das Gott uns schenkt, ist ein barmherziges und warmherziges Herz. Ein Herz, das Gott Raum gibt.

Ich finde es faszinierend, wie Gott in diesem Bibelabschnitt reagiert. Gott bleibt hier so gelassen. Er vernichtet sein Volk nicht, sondern er beschenkt sie mit einem neuen Herz. Gott ist hier so unverbesserlich gnädig und unbelehrbar optimistisch. Er gibt sein Volk nicht auf. Er steht weiterhin zu ihnen und gibt ihnen abermals eine neue Chance.

Letztlich ist dieser Vers die alttestamentliche Version der Weihnachtsgeschichte: An Weihnachten macht Gott sich klein und kommt als Baby auf die Erde. Verletzlich. Unbeholfen. Ganz und gar menschlich. Doch durch Jesus Christus versöhnt er die Welt mit sich.

Diese Bibelstelle bei Hesekiel ist ähnlich: Auch hier macht sich Gott klein. Er kommt zu den Menschen als gnädiger, barmherziger, liebevoller Partner. Er schenkt ihnen eine neue Chance, ihr Leben zu verändern. Er braucht keinen Sündenbock oder andere Tempelkulte, um die Beziehung zu seinem Volk wiederherzustellen. Er kommt selbst zu seinem Volk. Er macht sich klein und wird dadurch ganz groß.

Welch` schöner Mut machender Vers für das kommende Jahr! Denn für mich heißt dieser Vers, dass Gott uns nicht aufgibt. Dass er da ist. Mit uns geht. Dass ihm etwas an uns liegt.

Er ermutigt uns dazu, das neue Herz anzunehmen. Zu Menschen zu werden, die wissen, was sie wollen und nicht wollen. Zu Menschen, die sich am Willen Gottes orientieren.

Er ermutigt uns, unser Leben zu hinterfragen und zu verändern. Das heißt, wir sollen auf unser Herz hören. Auf unsere innere Haltung achten, wenn wir miteinander sprechen und leben.

Ein bisschen erinnert mich das an Gott selbst: Er überlegt, was er mit seinem störrischen Volk machen soll. Sie haben alle Chancen gehabt, waren immer wieder gewarnt worden…  Jetzt wäre doch mal der Punkt für den definitiven Schlussstrich … aber dann fragt sich Gott: Was ist mein Name? Wofür stehe ich? Und entsprechend entscheidet er sich für eine neue Zukunft für Israel.

Und zu dem gleichen Schritt ermutigt er uns. Er möchte, dass wir unser Miteinander hinterfragen.

Fragen, die uns dabei leiten können, könnten sein:

Wer bin ich als Kind Gottes?

Für welche Werte stehe ich?

Was hat das für Auswirkungen auf mein Reden und Handeln?

Und wie ist das, wenn bestimmte Situationen mich plötzlich herausfordern, mich verunsichern, mich wütend machen, oder Angst auslösen?

Was macht mein Herz?

Lasse ich mich dadurch zu einer Anderen oder einem Anderem machen? Zu einem, der sich selbst nicht mehr kennt?

Oder besinne ich mich auf das, was mich als Christin ausmacht? Auf mein fleischernes Herz – ein Herz, das sich berühren lässt, verletzlich ist, aber eben lebt!

Wenn wir diese Fragen bedenken, glaube ich, wird sich unser Miteinander zum Positiven verändern. Denn dann ist die göttliche Herztransplantation geglückt.

Wenn ein neues Herz in unserer Brust schlägt und ein neuer Geist in uns weht, dann ja dann, wird die frohe Botschaft unter uns lebendig.

Damit die Botschaft des liebenden Gottes unter uns allen immer wieder neu lebendig wird, lasst uns, um dieses neue Herz und um den neuen Geist bitten, mit Zeilen von Heinrich Held, die wir nach der Predigt gemeinsam singen wollen:

„Komm, o komm, du Geist des Lebens, wahrer Gott von Ewigkeit, deine Kraft sei nicht vergebens, sie erfüll uns jederzeit; so wird Geist und Licht und Schein in dem dunklen Herzen sein.

Gib in unser Herz und Sinnen Weisheit, Rat, Verstand und Zucht, dass wir anders nichts beginnen als nur, was dein Wille sucht; dein Erkenntnis werde groß und mach uns von Irrtum los.

Lass uns stets dein Zeugnis fühlen, dass wir Gottes Kinder sind, die auf ihn alleine zielen, wenn sich Not und Drangsal findt, denn was Gott den Seinen tut, ist uns allewege gut.“

Amen.