„Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“

Jahreslosung im Verlag am Birnbach – Motiv von Stefanie Bahlinger, Mössingen

 

Predigt zur Jahreslosung 2016

von Michael Burkhardt
Gottesdienst in der Hoffnungskirche am 03.01.2016

Predigttext: Jesaja 66,13
Lesungen: Jesaja 66,12-14; 1. Johannes 4,16b-18

Liebe Schwestern und Brüder!
„Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“ Dieser Vers aus dem Propheten Jesaja soll uns als Jahreslosung durch das neue Jahr begleiten. Brauchen wir denn Trost, jetzt, wo das Jahr kaum begonnen hat? Brauchen wir nicht viel mehr Ermutigung und Ansporn, all das anzupacken, was im alten Jahr liegen geblieben ist? Brauchen wir nicht eher Unterstützung dabei, unsere guten Vorsätze in die Tat umzusetzen, damit nicht wieder alles beim Alten bleibt? Gut, wenn wir mit unseren Vorsätzen wieder einmal gescheitert sind, dann brauchen wir auch den Trost …

Doch oft genug bekommen wir statt Trost nur ein Trostpflaster, ein bisschen Kosmetik an der Oberfläche, ohne dass unser Herz wirklich getröstet und unsere Seele wirklich berührt wurde. Weil solcher Trost so schwer zu bekommen ist, tröstet sich der Eine oder die Andere in seinem Kummer mit Alkohol. Wobei das natürlich kein Trost ist, sondern nur Betäubung. Aber für ein paar Stunden erscheint das ganze Elend einem nicht mehr so groß. Das böse Erwachen folgt dann, wenn man wieder nüchtern ist. Und gleich darauf erneut der Griff zur Flasche. Nein, trösten kann der Alkohol uns nicht. Das ist nur eine Redensart. Auch der verlassene, verschmähte Liebhaber findet in den Armen einer Anderen letztlich keinen Trost, sondern nur Ablenkung.

In dem verlesenen Text von Anthony de Mello wird die Witwe durch die Worte des Priesters nicht getröstet. „Gott liebt den Tod nicht, liebe Frau!“ entgegnet er auf den Vorwurf, Gott hätte ihren Mann sterben lassen. Doch der Priester kann die Witwe damit nicht überzeugen. Am Ende fährt sie ihn an: „Lassen sie Gott hier gefälligst beiseite!“
Es lohnt sich darüber nachzudenken, warum das Gespräch so endet. Der Priester versucht mit Worten zu trösten, das hat er gelernt, darin ist er geübt. Er lässt sich verleiten, das zu erklären, was nicht zu erklären ist. Ein Mensch stirbt. Das ist ein großer Schmerz. Den Tod mit dem Willen Gottes zu begründen, das verfängt nicht. Was hätte der Priester also sagen können? Ich denke, mit der Witwe zu schweigen, zu trauern, zu weinen; da sein, einfach da sein, das wäre wohl das Beste gewesen. Vielleicht auch eine Umarmung. Als Priester war ihm das wohl nicht möglich gewesen. So fängt er an zu reden, wo er besser geschwiegen hätte.

Bitte, ich will dem Priester nicht unrecht tun. Ich kann ihn gut verstehen. Es ist so schwer, nichts zu tun, wenn das Leid und der Schmerz so groß sind. Da weichen viele Menschen aus. Oder fangen an zu reden, zu argumentieren, zu begründen. Und bringen Gott ins Spiel, weil sie selbst am Ende sind mit ihrem Latein. Weil sie die Kraft und den Mut nicht haben, den Schmerz und das Leid mitzutragen. Doch was so einfach scheint führt in die Irre. Wer trösten will, muss den Kummer und den Schmerz des Andern teilen. Das lerne ich aus der Geschichte.

Weil menschlicher Trost nicht immer gelingt, tut die Jahreslosung so gut. Sie spricht davon, dass Gott die Menschen trösten will, die er liebt. Damit wir das begreifen, wird Gott mit einer Mutter verglichen, die ihr Kind tröstet. Bei Säuglingen geht das am Besten, in dem die Mutter dem Kind die Brust gibt. Sehr anschaulich erinnert der Prophet einige Verse vorher an diese bestens bekannte Erfahrung: „Freut euch mit Jerusalem und jauchzt alle, die ihr sie liebt! Seid fröhlich mit ihr, alle, die ihr um sie trauert! Weil ihr saugen dürft und euch sättigen an den Brüsten ihres Trostes, weil ihr schlürfen dürft und euch erquicken an den Brüsten ihres Glanzes.“ (Jes. 66,10f nach der Bibel in gerechter Sprache)

Nur ein, zwei Sätze danach steht unsere Jahreslosung: „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“ Da ist es geradezu unausweichlich, an ein Kind an der Brust der Mutter zu denken. Ein ungewohntes Bild für den Trost, den Gott uns geben will. Ein Bild, das schön ist und das gut tut; ein Bild, das aber auch einen Gegensatz darstellt zu anderen Bildern von Gott, die uns geläufiger sind: Gott als Krieger, der für uns streitet, Gott, der eingreift „mit seinem starken Arm“.

Vielleicht ist dieses Bild für manche irritierend. Wir sind gewohnt, Gott als Vater anzureden. Denn so hat es uns Jesus selbst gelehrt. Und weil wir Gott als Vater Jesu Christi bekennen, ist uns das väterliche weit näher als das mütterliche. Obwohl sich die Väter dieser Welt nicht immer fürsorglich und liebevoll verhalten, beten wir weiter das Vater unser. Aber es gibt auch Menschen, die Probleme haben mit der Anrede Gottes als Vater, weil sie keine ‚guten Vater‘ hatten. Und auch deshalb, weil eine väterliche, eine patriarchal geprägte Kirche lange die Frauen unterdrückt hat. Könnte es da eine Hilfe sein, Gott als Mutter anzureden?

Der Tübinger Theologe Jürgen Moltmann hat aufgezeigt, dass das Christentum durch die Verbindung mit römischem Patriarachalismus eine Vaterreligion wurde. Deshalb kommt die Anrede Gottes als Mutter in der Geschichte des Christentums selten vor. Jürgen Moltmann sagt auch: „Wo mütterliche Bilder für Gottes Obhut und Fürsorge verwendet werden, sind es eher Metaphern als Anredeformen.“ Ich denke, auch in unserer Jahreslosung haben wir es mit einem Bild zu tun: „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“ Ich finde es schön, dass Gott auch diese weibliche Seite hat, dass Gott uns zärtlich, einfühlsam und voller Hingabe begegnet, so wie eine Mutter sich ihrem Kind widmet voller Zärtlichkeit und Hingabe.

Damit ist natürlich nicht ausgeschlossen, dass Väter sich ihren Kindern genauso zärtlich und hingebungsvoll widmen. Aber dass sie das auch wirklich tun und deshalb nicht als Softie oder Weichei angesehen werden, das ist wohl eher eine Errungenschaft unserer Tage. Nur das mit dem Stillen bleibt weiterhin den Müttern überlassen.

Aber wie sind denn unsere Erfahrungen mit mütterlichem Trost, mal abgesehen vom gestillt werden, woran sich wohl kaum jemand erinnern kann? Wie oft musste meine Mutter ein Pflaster auf mein aufgeschlagenes Knie kleben? Das hat, mit den guten Worten dazu, meist Wunder gewirkt. Aber, mit drei jüngeren Geschwistern aufgewachsen, musste ich bald lernen, dass die Mutter nicht für jeden meiner Schmerzen Zeit und Kraft hatte. Und wenn da niemand anders war, der mich trösten konnte, dann hieß es eben runter schlucken und weiter machen.

Vielleicht bin ich deshalb heute so seltsam berührt, wenn Mütter für alle kleinen, großen und auch die unbedeutenden Schmerzen Kügelchen oder Tröpfchen in der Tasche haben und verabreichen, ohne den Schmerz zu kennen oder die kleine Zeit abzuwarten, bis die Sache sich von selbst gebessert hat. Wann werden diese Kinder lernen, dass es Kummer und Schmerz gibt, mit dem man selbst fertig werden kann? Es gibt ja noch genug Kummer und Schmerz, mit dem wir ohne Hilfe nicht gut klar kommen.

Deshalb sehnen wir uns unser Leben lang nach dem Trost der Mutter. Antje Naegeli, die Theologin, Psychologin und Autorin vieler Bücher hat in einem eindrücklichen Text diese Sehnsucht nach mütterlichen Trost beschrieben. Sie spricht dabei auch davon, dass menschlicher Trost begrenzt ist:

„Aufgenommen von den Armen der Mutter.
Von unbezwingbarer Macht ihr Herzschlag.
Urgeborgenheit für das Kind.
Nie entwachsen wir der Bedürftigkeit, umarmt zu sein.
Und doch: Einander bergen können wir immer nur bruchstückhaft.
All unser Erbarmen weist über sich hinaus auf den,
an dessen Herz kein Entbehren mehr sein wird.“

Unsere Sehnsucht nach Trost ist groß. Aber unser menschliches Trösten hat Grenzen. „Einander bergen können wir immer nur bruchstückhaft“, sagt Antje Naegeli. Auch die beste Mutter hat nur begrenzte Kraft und Zeit, muss selbst getröstet werden, um ihre Kinder trösten zu können. Manchmal sind wir nicht geschickt genug oder nicht weise genug, um richtig trösten zu können. Ich erinnere an den Priester, der die Witwe trösten wollte. Wie gut, dass unsere menschlichen Enttäuschungen nicht dazu führen müssen, uns von den Menschen abzuwenden, die uns doch hätten trösten sollen. Und dass sie auch nicht dazu führen müssen, dass wir den Glauben an einen Gott aufgeben, der wirklich trösten kann.

Die Geschichte, die mir Wilhelm, ein älterer Mann erzählte, macht das deutlich. Er wuchs mit zahlreichen Geschwistern in einfachen Verhältnissen auf. Acht Jahre war Wilhelms Vater als Soldat im Krieg und in Gefangenschaft. Da war die Mutter nicht selten überfordert. Kindergeburtstage waren unter diesen Umständen keine große Sache. Mehr als ein paar neue Socken konnte man da nicht erwarten. Aber einmal, so erzählte Wilhelm, dachte die Mutter überhaupt nicht an Wilhelms Geburtstag. Kein noch so bescheidenes Geschenk. Kein Glückwunsch. Nichts. Und Wilhelm traute sich nicht, seinen Schmerz und seine Enttäuschung der Mutter anzuvertrauen.

Zum Glück merkte einer der älteren Brüder, dass Wilhelm bedrückt war, und er wusste schnell warum. Aus Holzresten bastelte der Bruder ein Gewehr als Geschenk. Die Tat des Bruders war Balsam auf die verletzte Seele des Kindes. Jemand hatte seinen Schmerz erkannt. Jemand schenkte ihm Aufmerksamkeit und Zuwendung. Wilhelm hat diesen Geburtstag nie vergessen. Weil er enttäuscht wurde, aber auch weil er getröstet wurde.

Solche Erfahrungen sind wichtig, damit wir es glauben können, was Gott uns zusagt: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet. Gott kommt uns nahe, so nah wie möglich. Als Kind in der Krippe wird er einer von uns, wohnt bei uns, teilt unser Leben, die Freude, den Schmerz. Gott weint mit, wann immer Menschen weinen, und Tränen gibt es viele in der Welt.

So tröstet Gott. Mit dieser Zusage können wir in dieses Jahr gehen. Wenn uns Schmerz und Kummer bedrücken, dann können wir uns daran erinnern, dass Gott tröstet, wie einen seine Mutter tröstet.
Dann gibt es hoffentlich auch Menschen, bei denen wir weinen können über Verlorenes, Menschen, die uns zuhören, wenn wir ihnen unseren Zorn und unsere Bitterkeit vor die Füße werfen; Menschen, die uns ein Dach der Hoffnung bieten, unter das wir fliehen können.

Für mich ist die Jahreslosung auch ein Anstoß, auf Menschen zu achten, die Trost benötigen; und ein Anstoß, selbst zu einem zu werden, der trösten kann, der zuhören kann, der Leid und Schmerz mit tragen kann, der einfach da ist für Andere. In aller Begrenztheit, die ich habe. Ich weiß, das kann ich nicht aus mir selbst. Ich kann es weil Gott auch mir zusagt: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.