Immer wieder neu

Predigt zu Apostelgeschichte 11,1-18

von Pastor Markus Bauder
Hoffnungskirche am 20.09.2020

Immer wieder neu. Diese Erfahrung macht Petrus. Diese Erfahrung macht die Gemeindeleitung in Jerusalem. Wenn wir mit Gott, mit Jesus, im Leben unterwegs sind, werden wir uns immer wieder neu ausrichten müssen. Dabei ändert sich nicht das, was Gott will, sondern die Umstände, der Kontext, der Zusammenhang.
Dazu lese ich uns eine meiner Lieblingsgeschichten aus der Bibel. Sie steht in der Apostelgeschichte. Ich lese Euch nicht die eigentliche Geschichte, sie ist zu lang, sondern die Verteidigungsrede des Petrus vor der Gemeindeleitung in Jerusalem. Er musste sich dort für sein Tun rechtfertigen…
(Zürcher Bibelübersetzung)

1 Die Apostel und die Brüder und Schwestern hörten davon, dass auch die anderen Völker das Wort Gottes empfangen hatten. 2 Als Petrus nun nach Jerusalem hinaufkam, machten die aus der Beschneidung ihm Vorwürfe und sagten: Bei Unbeschnittenen bist du eingekehrt und hast mit ihnen gegessen!
4 Petrus aber begann, ihnen alles der Reihe nach darzulegen, und sprach: 5 Ich bin in Joppe gewesen und habe gebetet. Da geriet ich in Ekstase und hatte eine Vision: Ich sah eine Art Gefäß herabkommen, wie ein großes Leinentuch, das an seinen vier Enden vom Himmel herabgelassen wurde, und es kam bis zu mir herunter.

6 Ich schaute hinein und stutzte: Ich sah die Vierfüßler der Erde, die wilden Tiere, die Kriechtiere und die Vögel des Himmels. 7 Ich hörte aber auch eine Stimme, die zu mir sagte: Steh auf, Petrus, schlachte und iss!
8 Ich aber sagte: Niemals, Herr! Gemeines oder Unreines ist noch nie in meinen Mund gekommen.
9 Doch zum zweiten Mal sprach eine Stimme vom Himmel her: Was Gott für rein erklärt hat, das nenne du nicht unrein.
10 Dies geschah noch ein drittes Mal, dann wurde alles wieder in den Himmel hinaufgezogen.
11 Und siehe da: Drei Männer standen vor dem Haus, in dem wir uns befanden; die waren von Cäsarea aus zu mir geschickt worden. 12 Der Geist aber hieß mich, ohne Bedenken mit ihnen zu ziehen. Mit mir gingen auch die sechs Brüder hier, und wir kamen in das Haus jenes Mannes.
13 Er berichtete uns, wie er in seinem Haus den Engel gesehen habe, der zu ihm getreten sei und gesprochen habe: Schicke nach Joppe und lass Simon kommen, der den Beinamen Petrus trägt! 14 Er wird Worte zu dir sprechen, durch die du gerettet wirst, du und dein ganzes Haus. 15 Kaum hatte ich zu sprechen angefangen, kam der Heilige Geist über sie, so wie er am Anfang auch über uns gekommen ist.
16 Ich aber erinnerte mich an das Wort des Herrn, wie er gesagt hatte: Johannes hat mit Wasser getauft, ihr aber werdet mit heiligem Geist getauft werden. 17 Wenn nun Gott ihnen, da sie zum Glauben an den Herrn Jesus Christus gekommen sind, dieselbe Gabe geschenkt hat wie uns, wer bin ich, dass ich Gott hätte in den Weg treten können?
18 Als sie dies gehört hatten, beruhigten sie sich, priesen Gott und sprachen: Nun hat Gott also auch den anderen Völkern die Umkehr zum Leben gewährt.

Musikstück

Immer wieder neu – vielleicht kennt ihr den Spruch ja: das einzige, was sich nicht ändert, ist, dass sich immer alles ändert.

Man muss sich im Leben immer wieder neu ausrichten. Man denkt ja manchmal, dass man damit irgendwann fertig ist. Man ist es nie. Außer man ist tot. Und gerade im Alter, wenn man denkt, man ist endlich fertig mit dem neu ausrichten, kommen die richtigen Hämmer: gesundheitliche Einschränkungen, Einschränkungen in der Mobilität, man schafft den Garten nicht mehr. Die Treppen nicht mehr. Altersheim. Pflegeheim.

Immer ändert sich was. Zunächst ohne Kinder. Dann mit Kindern, dann wieder ohne. Mit Arbeit. Mit viel Arbeit. Mit Karriere. Dann in Rente. Ohne graue Haare, dann mit. Oder ganz ohne.

Wir sind jetzt nach Stuttgart gezogen. Müssen uns neu ausrichten. Wo kauft man ein? Wo ist ein Freibad? Wer wohnt um einen herum? Wie passt man in dieses Gefüge? Wer schneidet einem die Haare?

Und dann denkt man ja, man weiß ein bisschen was von Stuttgart. Nix weiß man. Was sind wir in den letzten Wochen gewandert und geradelt und wir haben festgestellt: Stuttgart ist ja schön…! Und da gibt’s nicht nur die Königsstraße und den Fernsehturm und eine Baustelle. Nein, da gibt’s hunderte… Im Ernst, selbst die eigene Stadt ist ja immer wieder neu. Ändert sich laufend.

Und wie wird das jetzt mit der Gemeinde? Mit mir? Mit uns? Wenn ein Neuer kommt, dann rumpelts? Dann knirschts im Getriebe. Neuorientierung ist angesagt. Ich. Ihr. Wir miteinander. Die Menschen ändern sich immer wieder.

Die Umstände.
Immer wieder neu.

Corona gabs auch noch nie… Wie damit umgehen? Wir werden es nicht aus der Welt schaffen? Wir müssen damit leben. Uns neu ausrichten. Uns neu sortieren. Nicht nur persönlich. Auch als Gemeinde, als Kirche. Da wird sich noch sehr viel ändern.

So ist das Leben. Und so ist auch das Leben mit Gott. Das Leben als Gemeinde,
als Kirche.

Die Botschaft ändert sich dagegen nicht, Gottes Wille ändert sich nicht.
Wohl aber die Umstände, der Zusammenhang, der Kontext. Man könnte auch sagen, die Welt ändert sich. Meine kleine Welt oder die große Welt. Die Bedürfnisse und Notwendigkeiten, die dort herrschen ändern sich.

Dort hinein die Botschaft Gottes zu formulieren und zu leben, das fordert von uns ein immer wiederkehrendes neu ausrichten, anpassen, verändern.

Wie war das bei Petrus? Die Botschaft Gottes, der Wille Gottes haben sich nicht geändert. Die Botschaft lautet: Gott will die Menschen retten. Vom Beginn der Bibel an. Besonders deutlich wird das bei Jesus: „Ich bin gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist“. „Denn so sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn sandte, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben“.

In unserer Geschichte – Was sagt der Engel zu Kornelius in Cäsarea: „Schicke nach Joppe und lass Simon kommen, der den Beinamen Petrus trägt. Er wird Worte zu dir sprechen, durch die du gerettet wirst. Du und dein ganzes Haus.“

Das war und ist das Programm Gottes. Die Rettung der Menschheit.

Meine Frau und ich diskutieren viel. Auch über meine Predigten. Sie sagte: „retten“, was heißt das? Klingt unkonkret. Fromme Sprache.

Gerettet sein heißt für mich: ich ahne und verstehe und fühle: Gott liebt mich und mein Leben ist bei ihm geborgen und sicher. Jetzt und für immer. Ich brauche keine Angst haben. Gott, der Schöpfer des Universums, ist auf meiner Seite.

Sichtbar und spürbar gemacht hat das Jesus Christus, sein Sohn. Für dieses Rettungsprogramm Gottes hat er sich sogar töten lassen. Dadurch, dass er lebt, sehe und erfahre ich: das stimmt. Das funktioniert. Die Geborgenheit und Sicherheit, die er verspricht, hält bis in alle Ewigkeit.

Und jetzt kommt eine kleine, aber wichtige Ergänzung: Der Mensch und seine Rettung ist Gott wichtiger als die Regel. Als das Gebot. Als das Gesetz.

Der Sabbat ist für den Menschen da. Nicht umgekehrt. Die Regel, das Gebot muss der Rettung des Menschen dienen. Tut sie es nicht, ist die Rettung des Menschen wichtiger als die Regel.

Petrus hat gedacht, die Regel sei wichtiger. Die Gemeindeleitung in Jerusalem hat später auch erstmal noch gedacht, die Regel, das Gebot sei wichtiger. Der fromme Jude darf keine Gemeinschaft mit Heiden haben. Steht sogar in der Bibel. Im Alten Testament.

Und Gott sagt zu Petrus, zumindest ist es für Petrus so, dass die Stimme, die er hört, Gottes Stimme ist: Was Gott für rein erklärt hat, das nenne du nicht unrein.

Petrus muss lernen, dass Gott alle Menschen wichtig sind und der Rettung würdig. Nicht nur die Juden oder das Volk Gottes. Nicht nur die Juden können Gottes Wort hören, nicht nur die Juden stehen in der Wirksamkeit des Heiligen Geistes, sondern alle Menschen.

Das müssen wir manchmal auch hören: alle Menschen können Gottes Reden hören und alle Menschen sind der Wirksamkeit des Geistes Gottes ausgesetzt. Nicht nur die in der Kirche. Oder, diejenigen, die einmal Christen geworden sind. Oder diejenigen, die meinen, die Bibel schon verstanden zu haben.

Petrus muss auch lernen, dass sich die Welt weiterdreht. Selbst wenn Jesus zunächst nur zum jüdischen Volk gekommen ist, macht die Rettung Gottes nicht vor Volksgruppen oder geografischen Grenzen Halt.

Wir können sogar noch weitergehen, denn die Welt hat sich nach Petrus ja auch weitergedreht: Die Botschaft Gottes muss in immer wieder neuen Umständen immer wieder neu buchstabiert und formuliert werden. Unsere Welt hat sich weitergedreht: inzwischen gibt es Menschenrechte und die Einsicht, dass die Würde eines jeden Menschen unantastbar ist. Inzwischen leben wir in demokratischen Strukturen und keinen monarchischen oder autoritären. Wir wissen, dass Mann und Frau gleichberechtigt sind und sogar Kinder Rechte haben. Wir wissen inzwischen, dass es nicht nur eine Form von sexueller Identität gibt und so weiter…

Die Botschaft hat sich nicht geändert, Gott will uns Menschen durch Jesus Christus retten. Ändern, ständig sich ändern tut sich der Kontext, der Zusammenhang. Die Welt ändert sich ständig.

Kleiner Exkurs: ich habe nicht gesagt, die Gebote seien nicht wichtig. Ich habe gesagt, der Mensch ist Gott wichtiger als die Gebote als die Regel. Jesus Christus hat durch seinen Tod die Gnade Gottes und seine Vergebung deutlich in den Vordergrund gerückt. Die Gnade und Vergebung rettet. Nicht das Gebot. Sonst wäre Jesus ja umsonst gestorben.

Genau dies sagt übrigens auch Petrus in seiner Predigt, die ihr, wenn ihr die ganze Geschichte anschaut, nachlesen könnt.

Immer wieder neu. Die Botschaft von einem Gott, der die Menschen rettet. Der ihnen durch Jesus Christus gnädig ist und Schuld vergibt. Der unser Leben in seine Hand nimmt. Bei ihm sind wir sicher und geborgen. Heute und bis in alle Ewigkeit.

Das gilt auch in anderen gesellschaftlichen Fragen und Themen, bei denen sich unsere Welt dauernd und ständig verändert: der Umgang mit Rassismus. Mit Populismus. Mit dem Hass, den viele Menschen in sich tragen. Der Umgang mit der Wahrheit (Stichwort Fake-News). Der Umgang mit der virtuellen Welt. Das ist ja nicht mehr nur einfach Internet. Das ist eine virtuelle Welt. Ein virtuelles Universum.

Oder wie ist das mit der Einsicht, dass es nicht nur eine sexuelle Identität
gibt.
Oder unser Eingreifen in die natürliche Schöpfung Gottes. Dass wir das tun steht außer Frage. Das zeigt ja jeder Gartenbesitzer oder Arzt an jedem Tag. Aber wie bewertet man Gentechnik, künstliche Befruchtung, Abtreibung, Gentherapien, künstliches Koma und Impfen. Und den Wunsch vieler, auf ein würdevolles Ende ihres Lebens…

Dass wir uns darüber streiten und unterschiedliche Meinungen haben, finde ich übrigens normal. Zu all diesen Dingen steht ja relativ wenig in der Bibel. Außer dass im Zweifel der Mensch wichtiger ist als die Regel… Das steht tatsächlich drin. Liebt einander so wie ich euch geliebt habe. Daran wird euch die Welt erkennen… Wer von Euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein…

Daraufhin kann man auch unsere Argumente prüfen und bekommt eine Richtung…

Die Botschaft unseres rettenden Gottes gilt auch in Zeiten von Corona…

Aber wie muss man es sagen, dass es die Menschen verstehen? Und dass es der geltenden Hygieneverordnung entspricht. Und den momentanen Abstandsregeln…

Das ist nicht ironisch gemeint. Corona und der Kulturwandel, den wir momentan erleben, werden nie wieder vorbei sein. Wir müssen uns aufmachen, die Botschaft unseres Gottes in neue Umstände hineinzusagen. In eine sich verändernde Welt. Übersetzen. Ausloten. Versuche machen, Irrtümer beenden, Mutig ausschreiten.

Letzten Dienstag konnte man in der ARD hören: „Rund hundert Tage vor Weihnachten bereiten sich viele Kirchengemeinden in Deutschland auf mögliche Alternativen für die Gottesdienste in Kirchen vor. Neben digitalen Formaten und den Übertragungen im Fernsehen und Radio wolle man raus ins Freie, sagte der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Heinrich Bedford-Strohm im Interview. „Wir wollen in die Mitte der Orte: Auf die Marktplätze, auf Fußballplätze, vielleicht auch an den Waldrand“, so der bayerische Landesbischof. Man habe Erfahrungen mit Gottesdiensten in Stadien. Die Menschen scheuten sich nicht vor Wetter und Kälte. „Die ziehen dann eine lange
Unterhose an“, so Bedford-Strohm.

Das bedeutet, auf die sich ändernden Umstände zu reagieren.

Immer wieder neu. Das Zeltlagerteam hat sich in diesem Jahr an die veränderten Umstände angepasst. Es war viel Arbeit und es konnten weniger Kinder mit. Aber es hat sich gelohnt.

Beim Feiertag für Menschen mit und ohne Wohnung sind wir gerade dabei ein anderes Konzept zu entwickeln, beim Kindermusical müssen wir ebenfalls bald Entscheidungen treffen.

Auch für Weihnachten müssen wir uns den sich ändernden Umständen anpassen.

Wir brauchen davor keine Angst zu haben. Denn siehe Petrus, das gabs schon immer und wird es immer geben. Das einzige, was sich nicht ändert, ist, dass sich ständig etwas ändert.

Und – Gott bleibt sich treu: er will uns retten. Uns eine Perspektive fürs Leben geben.

Diese Botschaft in die sich wieder ändernden Umstände in unserer Gesellschaft hinein zu übersetzen, ist mir ein Herzensanliegen. In Stuttgart. In der Hoffnungskirche, in der Friedenskirche. Wo immer wir gefragt sind und die Möglichkeit dazu haben. Mit all unseren Gaben und Fähigkeiten. Und unserer Zeit. Und ich lade Euch alle ein, nicht nur zuzuschauen, sondern mitzumachen.

Sich genau wie Petrus auf den außergewöhnlichen Weg einlassen. Den, den wir noch nie gegangen sind. Den, den es noch nie gegeben hat. Raus aus der Komfortzone.

Immer wieder neu. Um Gottes Willen. Um der Menschen Willen.

Gott segne uns. Amen