Josef von Arimathäa

Predigt

Von Pastor Markus Bauder
Hoffnungskirche 21.03.2021

Heute geht es also um Josef von Arimathäa. Jenes Mitglied im obersten Gerichtshof in Jerusalem. Jenen Mann in Jerusalem, der zu Pilatus ging, diesen um den Leichnam Jesu am Kreuz bat und ihn anschließend in seinem eigenen Grab beisetzte.

Der erst dann in der Bibel als Jünger Jesu auftaucht als Jesus schon tot war. Der bis zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich unauffällig einfach mit dabei war. Ich nenne ihn einen Mann aus der zweiten oder dritten Reihe.

Ich lese uns die Geschichte aus der Basisbibel: Lk 23,50-54a (Basisbibel):

Unter den Ratsältesten war ein Mann namens Josef, der vorbildlich und gerecht vor Gott lebte. Dem Beschluss und dem Vorgehen des jüdischen Rates hatte er nicht zugestimmt. Josef kam aus Arimatäa, einer Stadt in Judäa. Er wartete darauf, dass Gott sein Reich in der Welt anbrechen lässt.

Dieser Josef ging zu Pilatus und bat ihn um den Leichnam Jesu. Dann nahm er ihn vom Kreuz ab und wickelte ihn in ein Leinentuch. Schließlich legte er ihn in eine Grabkammer. Die war in Felsen gehauen, und es hatte noch niemand in ihr gelegen.

Das geschah an dem Tag, an dem der Sabbat vorbereitet wurde.

Es ist nun schon einige Jahre her. In der Gemeinde, in der ich damals arbeitete, gab es einen Unternehmer, der ein florierendes mittelständisches Unternehmen hatte.

Er saß im Gottesdienst fast immer in der vorletzten Reihe. Er war sehr regelmäßig da und fehlte bei keiner wichtigen Veranstaltung.

Aber er beteiligte sich sonst nicht in der Gemeinde. Er war in keinem Hauskreis, er kam nicht in die Bibelstunde, er spielte nicht im Posaunenchor und er sang auch nicht im Chor.

Er wurde öfter mal gefragt, ob er nicht mehr mitarbeiten wolle, auch als er dann im Ruhestand war, aber davon wollte er überhaupt nichts wissen. Er wollte im Hintergrund bleiben. Die erste Reihe wäre nichts für ihn. Auch die zweite nicht, sagte er. Gerne würde er die Gemeinde unterstützen und er freut sich auch über alle Aktivitäten.

Ich hab viel über ihn nachgedacht. Und auch mit ihm gesprochen. Ich weiß, dass er immer wieder Angst hatte, kein guter Christ zu sein. Und ihn ab und zu ein schlechtes Gewissen plagte. Weil er dem Erfolg seines Unternehmens fast alles unterstellte. Deshalb traf er nicht selten Entscheidungen, die seine Mitgeschwister in der Gemeinde kritisch hinterfragt hätten, wenn sie davon gewusst hätten.

Wenn ich über die soziale Verantwortung predigte, diskutierte er hinterher leidenschaftlich mit mir. Ihm war nichts geschenkt worden und er verteidigte das, was er erreicht hatte, leidenschaftlich.

Trotzdem nahm er mich ab und zu auf die Seite und steckte mir 100,- Mark zu, und sagte: „Verteil das unter denen, die es nötig haben.“ Und bei einem sozialen Projekt der Gemeinde kam er einmal bei mir vorbei und sagte: wann immer Du hier ein finanzielles Problem hast und Du denkst, dass ich Dir helfen könnte, dann komm.

Vielleicht war Josef von Arimathäa diesem Unternehmer in mancherlei Hinsicht ähnlich. Es gab für ihn vielleicht mancherlei Gründe, kein offensiver und aktiver Jünger Jesu zu sein. Vielleicht dachte er an seine gesellschaftliche Stellung? Vielleicht fürchtete er um seine Position am obersten Gerichtshof. Es war nicht klug, sich öffentlich auf die Seite Jesu zu stellen, auch wenn man mit ihm sympathisierte. Im Gerichtshof hatte er gegen das Todesurteil gestimmt.

Vielleicht hatte er auch einfach nicht mehr Zeit.

In der Vorbereitung auf diese Predigt hatte ich das Gefühl, dass es diesen Josef von Arimathäa auch heute noch gibt: Er oder sie ist regelmäßig da. Vielleicht nicht jeden Sonntag, aber regelmäßig. Oder gar nicht am Sonntag, sondern nur als Teilnehmer in einer Gruppe. Vielleicht auch nur bei bestimmten, besonderen Projekten.

Vielleicht hat sie oder er eine ordentliche Schulbildung, sogar einen guten Beruf. Manche von den Josefs und Josefinen unserer Zeit haben sogar eine anerkannte gesellschaftliche Stellung, leiten Firmen und haben es bis weit nach vorne gebracht. Im Beruf oder in der Gesellschaft. Sie arbeiten viel. Manche sind wohlhabend, vielleicht sogar reich. Manche nicht.

Gemeinsam ist ihnen, dass sie eine positive Einstellung zum Glauben und zur christlichen Gemeinde haben. Sie verstehen sich als Christen. Manche kommen sogar regelmäßig in die Gemeinde. Sie sind innerlich dabei und manchmal sogar äußerlich. Vielleicht sogar seit vielen Jahren. Treu. Treu mit Distanz.

Aus mancherlei Gründen bleiben sie lieber im Hintergrund. Sie arbeiten nicht in Gremien und treten so gut wie nie öffentlich in der Gemeinde auf. In der Gemeinde nicht und außerhalb auch nicht.

Diese Menschen würden vermutlich auch keine Mitglieder unserer Kirche werden, wenn sie es nicht schon in jungen Jahren geworden wären. Ein öffentliches Bekenntnis zum christlichen Glauben in einem Gottesdienst – damit tun sie sich eher schwer. Glaube ist Privatsache.

Und trotzdem sind sie da. Und sie sind wichtig. Und sie wollen ernst genommen werden.

Und manchmal, wie bei Josef von Arimathäa, kommt eine Situation, wo kein anderer etwas tun kann als nur er. Und er tut es. Oder sie. Niemand anderer als ein gesellschaftlich hoch angesehener Mann kann zu Pilatus gehen und um die Leiche eines Gekreuzigten bitten. Er hat direkten Zugang. Zumindest kennt er die entsprechenden Leute und weiß den Weg. Von den Jüngern ist weit und breit keiner zu sehen. Alle aus der ersten Reihe sind verschwunden. So engagiert sie vorher waren, so sehr sind sie jetzt erschüttert. Enttäuscht haben sie sich verkrochen und trauen sich nicht mehr aus dem Haus.

Josef ist nie so extrem gewesen. Hat nie alles für diesen Jesus verlassen. Und hat natürlich deshalb jetzt auch nicht ganz so viel verloren wie die anderen. Er hat sein Haus und seine Familie. Und seine Grabstätte.

Er muss jetzt nicht um sein Leben fürchten. Er behält einen kühlen Kopf und tut das, was zu tun ist. Vielleicht auch nur um die Dinge gut zu Ende zu bringen. Vermutlich bleibt er einfach sich selbst und seiner Überzeugung treu.

Bist Du so ein Josef? Oder eine Josefine? Ein Mensch, der sehr gerne in der zweiten, dritten oder letzten Reihe ist. Ungern vorne. Beim Livestream auf der Bühne stehen – das ist gar nicht deins. Und dann ist man auch noch im Internet. Und das womöglich für lange Zeit.

Bleibst du lieber im Hintergrund. Sitzt gar im Livestream auf der anderen Seite am Bildschirm?

Es ist gut, dass Du da bist.

Niemand muss in die erste Reihe, wenn er das nicht will oder aus was für Gründen auch immer nicht kann.

Bleib dir selbst treu. Du musst kein Aufheben um deine Rolle in der Gemeinde machen.

Was wäre die Gemeinde ohne die Menschen, die einfach dabei sein. Ohne Distanz oder mit Distanz.

Aber sei da, wenn du gebraucht wirst. Auch dir hat Gott Möglichkeiten und Fähigkeiten anvertraut, die in seinem Reich und dort, wo seine Gemeinde lebt, wichtig sind. Vielleicht sind deine Beziehungen wichtig? Vielleicht deine finanzielle Unterstützung? Vielleicht ist es irgendetwas anderes, das nur Du in dieser oder jener besonderen Situation beitragen kannst. Oder besonders du. Dann zögere nicht!

Wobei man dir das vermutlich gar nicht zu sagen braucht, denn du hast ein Gespür dafür, wann du gebraucht wirst. Du weißt, was deins ist und was nicht.

Zwei Sachen sind es, die mir für die Josefs und Josefinen unter uns wichtig sind:

Josef hatte trotz seiner Unauffälligkeit eine Beziehung zu Jesus Christus. Er war sein Jünger. Jesus war ihm immerhin so wichtig, dass er als „sein Jünger“ bekannt war. Zumindest später. Wie ist das bei Dir? Hast du mal drüber nachgedacht, welche Rolle Jesus Christus in deinem Leben spielt? Die Verbundenheit mit Jesus Christus muss dabei keinesfalls den öffentlichen Bekenntnissen folgen.

Gerade bei den Bekenntnisfragen unserer Gliederaufnahme frage ich mich oft, ob man das nicht auch anders formulieren kann? Heiland, Herr, Erlöser, sein Leben übergeben – typisch fromme Formulierungen. Vielleicht würdest du das ganz anders ausdrücken. Vielleicht viel vorsichtiger. Nicht so eindeutig. Mehr als freundschaftliche Beziehung.

Formulierungen sind ja nur für uns Menschen wichtig. Die können so oder so sein. Es kommt auf die Beziehung zu Jesus Christus an. Auf deine Haltung zu ihm.

Nach meinem Verständnis kennt er dich ja sowieso und sieht ganz genau, wie du es meinst… Er versteht dich. Er akzeptiert dich und nimmt dich so an wie du bist.

Und das andere was mir heute wichtig ist: Muss Josef in der zweiten, dritten oder letzten Reihe bleiben? Natürlich warten manche jetzt noch auf eine Ermahnung an die Josefs und Josefinen, doch mehr zu tun. Ich glaube das braucht es nicht. Wenn die Josefs unter uns ehrlich sind und offen für das, was Jesus mit ihnen spricht, dann passt das.

Schauen wir mal noch, wie es mit dem echten Josef von Arimathäa weiterging? In der Bibel steht darüber nichts. Aber es gibt eine reiche Legendenbildung über ihn. Von Legenden haben wir gelernt, dass sie nicht so passiert sind, aber dass sie fast immer einen wahren Kern haben. Auf eine tatsächliche Geschichte zurückgehen.

Manche Legenden über Josef von Arimatäa sagen, er habe das Blut Jesu in einem Kelch aufgefangen. Dem Abendmahlskelch. Dem berühmten Kelch. Josef gilt als der Ursprung der Gralslegende. Manche wollen auch wissen, dass er nach dem Verschwinden des Leichnams Jesu (seiner Auferstehung) des Leichenraubes beschuldigt und 40 Jahre eingesperrt wurde. Jesus soll ihm erschienen sein, ihm den Kelch gebracht haben. Und nur, weil dort jeden Tag ein frisches Stück Brot zu finden war, hat er überlebt. Nach dem Gefängnis ist er nach Frankreich oder England ausgewandert und hat dort eine Kirche gebaut. Aber das alles weiß man nicht wirklich.

Ob das Ereignis, Jesus vom Kreuz zu holen und ihm sein eigenes Grab zu überlassen, sein weiteres Leben nachhaltig verändert hat? Vielleicht. Es ist sogar sehr wahrscheinlich.

Klar ist, dass er in die Geschichte eingegangen ist. Und für mich der Patron all derer ist, die lieber in der zweiten, dritten oder letzten Reihe sind. Ohne sie geht es nämlich in der Gemeinde auch nicht. Es braucht die Unauffälligen. Die, die da sind, wenn sie gebraucht werden, die Geld haben und es auch bereitwillig einsetzen. Die, die einfach durch ihre Anwesenheit Unterstützung ausdrücken. Es braucht diejenigen, die auch mal unauffällig Wege ebnen und Dinge ermöglichen, die es nur ohne großes Tamtam gibt.

Gott segnet seine Gemeinde. Auch durch die Josefs und Josefinen der heutigen Zeit.

Amen