Predigt: „Berufung“

Text/Thema: Jeremia 1,4-10

Gehalten (Datum/Ort): Markus Bauder 22.8.21 S-HK (Bezirk);

Lesung vor der Predigt Jeremia 1,4-10 (Basisbibel)

Da kam das Wort des Herrn zu mir:

»Bevor ich dich im Mutterleib geformt habe, kannte ich dich. Bevor du von deiner Mutter geboren wurdest, warst du schon heilig für mich. Zum Propheten für die Völker habe ich dich bestimmt.«

Ich antwortete: »Ach, mein Gott und Herr, ich kann nicht gut reden! Denn ich bin noch zu jung.«

Doch der Herr erwiderte: »Sag nicht, dass du zu jung bist, sondern geh, wohin ich dich sende! Und verkünde alles, was ich dir auftrage!

Fürchte dich nicht vor ihnen, denn ich bin mit dir und werde dich retten!«– So lautet der Ausspruch des Herrn.

Dann streckte der Herr seine Hand aus und berührte meinen Mund. Der Herr sagte zu mir: »Ich lege meine Worte in deinen Mund.

Sieh her: Ich gebe dir heute einen Auftrag. Über Völker und Königreiche stelle ich dich. Du sollst ausreißen und einreißen, zerstören und vernichten, aber auch aufbauen und pflanzen.«

Heute soll es mir um Berufung gehen…

Nicht ums „in Berufung“ gehen, wie wir es aus dem Recht kennen. Wo also gegen ein Urteil Widerspruch eingelegt wird und man „in Berufung geht“.

Es geht mir auch nicht um das deutsche Beamten- und Hochschulrecht. Der Staat und die Forschung berufen Personen in einen bestimmten Lehrauftrag oder eine bestimmte hoheitliche Aufgabe. Obwohl wir hier der gemeinten Sache schon näherkommen.

Es war Martin Luther, der Beruf und Berufung in einen Zusammenhang rückte. Wir sollen unserer „weltlichen Berufung in einen Beruf treu bleiben“, sagt er. Er räumte mit der Vorrangstellung einer religiösen Berufung vor einer weltlichen Tätigkeit auf. Jeder äußere Beruf, sagt er, beruht letztlich auf einer inneren Berufung aufgrund ganz besonderer Qualitäten und Fähigkeiten zum Dienst am Nächsten und darin letztlich für Gott. Mit Luther gesprochen ist auf diese Weise „die Stallmagd dem Fürsten gleich“. Jegliche Berufserfüllung im engeren wie auch im weiteren Sinn, zum Beispiel auch der ehrenamtliche Einsatz, wird von Luther als Gottesdienst und als Berufung verstanden.

Deshalb können Geschichten aus der Bibel, in denen Gott Menschen ruft oder beruft, auch für jeden von uns beispielhaft sein und uns etwas Wichtiges zeigen.

Die allermeisten Menschen, die in der Bibel vor- oder zu Wort kommen, sind berufen: Jesu beruft seine Jünger, im Alten Testamente beruft Gott Noah, Mose, Abraham, Isaak, Jakob, David, die Propheten und viele andere.

Auch am Beginn der Prophetenlaufbahn des Jeremia steht ein entsprechendes Erlebnis.

Fühlst Du Dich berufen zu dem, was Du tust? Siehst Du darin mehr als einen Job, eine Tätigkeit oder ein Hobby? Siehst Du dich eventuell sogar von Gott berufen? Zumindest in manchen Deiner Aufgaben und Tätigkeiten?

Jeremia fühlte sich von Gott berufen.

Obwohl er unter seiner Berufung teilweise auch gelitten und gezweifelt hat. Trotzdem fühlte er sich berufen und er ist vom Zeitpunkt seiner Berufung dieser Berufung gefolgt.

Was kennzeichnet eine, oder in diesem Fall, seine Berufung? Ich möchte uns vier Punkte aufzeigen, die wir bei Jeremia entdecken können:

1. Gott spricht: „Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleib bereitete.“

Dies wurde den meisten von uns schon zugesagt, als wir es noch gar nicht richtig mitbekommen haben – bei unserer Taufe. Schon dort sollte deutlich werden: Du bist nicht nur das Kind deiner Eltern, mit all ihrer Geschichte. Die bist nicht nur das Kind Deiner gesellschaftlichen Schicht und Deines Milieus. Du bist nicht nur das Ergebnis eines genau feststellbaren Mixes von Genen.

Dein Wert und Deine Existenzberechtigung hängen nicht an Deiner Leistung oder Deinem Verdienst oder Deiner Bildung.

Dein Wert wird auch nicht dadurch geringer, dass Du manches versäumst, Fehler machst, schuldig wirst oder Niederlagen kassierst. Das tut man im Leben ja häufiger.

Oder dass Du ohne den Menschen leben musst, der dein Leben so bereichert hat. Weil er gestorben oder gegangen ist. Und Du fühlst Dich, als wäre ein Teil von Dir weg.

Du bist vor allem und zuerst deshalb da, weil niemand geringeres als Gott selbst dich hier haben will. Dein Lebensrecht und letztlich der Wert Deines Lebens kommen von Gott.

Lass es dir um Gottes Willen gesagt sein: Du bist mit deinem Leben von Gott gewollt, gerufen und gebraucht.

Deshalb: Fürchte dich nicht!

Fürchte dich nicht vor dem Leben und vor allem nicht vor den Menschen.

2. Du hast Einwände? Na klar. Jeremia fühlt sich zu jung. Viel zu jung und den Großkalibern seiner Zeit etwas sagen zu dürfen. Da braucht man schließlich Reputation, mindestens Erfahrung, ein gewisses Alter.

Bei uns ist es etwas vielleicht etwas anderes. Das ändert sich mit der Zeit und im Laufe des Lebens auch immer mal wieder. Ich bin zu jung, zu alt, zu schuldig, zu dumm, ich hab keine Zeit, meine Familie will aber dies und mein Chef das, usw. usw. Und überhaupt….

Diese Einwände und Widerstände kommen dann, wenn wir das Gefühl haben:

Was wir uns einerseits für unser Leben vorgestellt haben und was wir andererseits möglicherweise als Stimme Gottes oder Berufung hören, widerspricht oder unterscheidet sich.

Wir planen unser Leben, haben Vorstellungen und Ziele. Und dann kommt es anders. Manchmal werde ich zu Veränderungen gezwungen. Manchmal fühle ich, dass ich selbst eine Entscheidung treffen muss.

Ehe, Familie, Beruf, Lebensort, Lebensgestaltung.

Was mich betrifft, bin ich heute glücklicher und zufriedener als vor 15 Jahren. Vieles von dem, was passiert ist, habe ich nie so gewollt. Und vieles, was geworden ist, hätte ich mir niemals so vorstellen, geschweige denn so planen können.

Die Schule des Lebens und der Weg Gottes haben mir durchaus auch gutgetan. Manches wurde mir zugemutet, wo ich nicht wusste, wie es weitergeht. Bei manchem wäre ich am liebsten davongelaufen. Und selbst heute fühle ich mich manchmal überfordert, ratlos, unsicher. Manches finde ich auch sinnlos.

Aber um standzuhalten um mein Leben und jeden Tag in Angriff zu nehmen, hilft es mir, wenn ich mir zusprechen lasse:

Sage nicht: ich bin zu jung oder zu alt. Sage nicht: Ich kann das nicht, spricht der Herr, – sondern du sollst gehen und stehen, wohin ich dich sende.

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3. Siehe, spricht Gott, ich lege meine Worte in deinen Mund.

Diesen Satz will ich mal aus einem anderen Blickwinkel betrachten.

Gott spricht zu uns Menschen sicher manchmal ganz direkt. Durch Eindrücke, Träume, innere Stimmen. Haben wir vielleicht auch schon erlebt…?

Aber am allermeisten spricht Gott zu uns durch andere Menschen, denen er seine Worte in den Mund gelegt hat.

Oder er hat sie diese Worte schreiben, malen, singen oder musizieren lassen.

Ein Lied, ein Bild, ein Text, ein Oratorium – Gott hat seine Worte in den Mund, in den Pinsel, in den Stift, in die Hand oder den Fuß eines anderen gelegt.

Gottes Wort kommt vermutlich ständig und aus vielen verschiedenen Richtungen in unser Leben.

Woran merke ich, dass das Wort, das mich erreicht, von Gott kommt?

Ich glaube: Es trifft mich im Herzen, ich kann ihm nicht ausweichen und will es auch nicht. Es überzeugt mich einfach. Ich spüre, dass es richtig ist, was da einer sagt, singt, schreibt, dichtet und was bei mir ankommt.

Es stimmt mit dem überein, was ich von Jesus Christus kenne, dem Menschen, den ich für den Sohn Gottes halte. Es gibt Beispiele in der Bibel, die vielleicht ähnlich sind.

Ich erkenne Gottes Wort daran, dass es mutig aufbegehrt gegen das, was Menschen abwertet oder niederdrückt. Jeglicher Rassismus, jeglicher Sexismus, Frauen- Ausländer- oder Menschenfeindlichkeit kommen nicht von Gott. Auch Hass, blöde Bemerkungen, Niedertracht, Unverschämtheiten jeglicher Art sind keine Worte Gottes. Gottes Wort ehrt die Menschen, richtet sie auf, versteht sie und achtet deren Bedürfnisse und Interessen. In Frieden und Gerechtigkeit.

Gottes Wort wird sich immer für Frieden und Gerechtigkeit einsetzen und es lässt sich davon nicht abbringen.

Und ganz sicher legt Gott auch dir seine Worte in den Mund, die Hand, den Fuß, in deine Fähigkeiten und Möglichkeiten. Achte darauf. Auch auf das, was Du sagst oder tust oder in sozialen Netzwerken verbreitest. Gott will auch durch Dich zu anderen Menschen reden.

4. Siehe, spricht Gott, ich setze dich heute über Völker und Königreiche.

Vielleicht denken wir, dieses Wort bedeutet Macht. Nein, mit Sicherheit nicht. Es bedeutet Freiheit und Freimut.

Von Gott berufene Menschen lassen sich nicht von Sachzwängen, Parteien oder Marktgesetzen leiten. Oder von den Herrschenden.

Auch eigene Interessen oder die der Familie, der Gruppe, Gemeinde oder des eigenen Volkes haben keinen Vorrang.

Vorrang hat Gott, der die Menschen liebt und allen ein menschenwürdiges Leben ermöglichen will. Vorrang hat Gottes Schöpfung. Vorrang haben Gerechtigkeit und Frieden, Liebe, Barmherzigkeit und Gnade.

Vorrang hat die Frage, was würde Gott, was würde Jesus in dieser Situation tun. Was hätte er gesagt oder getan?

Erfolg ist bei einer Berufung übrigens nicht das Entscheidende. Sondern dass man sich und seiner Berufung treu bleibt. Gott gegenüber treu bleibt.

Die Freiheit und der Freimut, Gott treu bleiben zu können. Sich wenigstens ein Stückweit von den Ansprüchen dieser Welt oder den eigenen lösen zu können.

Bist Du ein Berufener? Bist du eine Berufene? Ich bin sicher, Du bist es. Du bist herzlich eingeladen, immer wieder diesen Ruf Gottes zu hören, zu entdecken und zu leben. Gott segne Dich dazu. Amen.