Predigt: Jede/r ist ein Unikat

Pastor Markus Bauder

Text/Thema: Jede/ ist ein Unikat (Römer 12,1-8)

Gehalten (Datum/Ort): 16.01.22 S-FK; 23.1.22 S-HK (livestream)

Wer von euch weiß, was ein Unikat ist?

Ein Unikat ist etwas Einzigartiges. Das gibt es auf der ganzen Welt nur einmal.

Ein Unikat muss dabei nicht notwendigerweise anders aussehen als andere baugleiche Dinge. Weil es ein eindeutig identifizierbares Teil ist, ist es ein Unikat. Beispielsweise durch die Seriennummer. Auf diese Weise ist z.B. jede Arzneimittelpackung ein Unikat…

Trotzdem reden wir von Unikat nicht bei Massenartikeln, sondern bei Dingen, die es tatsächlich nur einmal in dieser Form gibt. Besondere Schmuckstücke, Gemälde, die Zeichnungen und Malereien unserer Kinder aus früher Zeit. Dinge, die man auch nicht einfach so vervielfältigen kann.

Manchmal haben wir einen Gegenstand oder ein Kleidungsstück, das aus Naturmaterialien ist. Leder, Holz, Stein – Da ist jedes einzelne Teil ein Unikat. Diese Maserung, diese Zeichnung, diese Narben im Leder – das gibt es eben nur einmal auf dieser Welt.

Das zeigt uns – Die Natur ist eine unglaubliche Ansammlung von lauter Unikaten. Pflanzen, Bäume, Berge, Tiere, überhaupt alle Lebewesen – Lauter Unikate. Jedes Einzelne.

Wir sollten das schätzen. Mehr schätzen. Mehr Ehrfurcht vor der Einmaligkeit des Lebens zeigen…

Dich gibt’s auch nur einmal. Wirklich. So wie Du die Welt erlebst oder siehst, erlebst und siehst sie nur Du. Diese Einmaligkeit entsteht durch das Leben. Die Bausteine des Lebens sind so unglaublich vielfältig, dass es nicht zwei gleiche Lebewesen gibt. Selbst die unbelebte Natur – Berge, Wüsten, ist einmalig. Unikate.

Dass Dinge, Lebewesen, die Natur, wir Menschen Unikate sind, hängt nicht nur an den genetischen Bausteinen, sondern auch an unserer Umgebung, an unserem sozialen Umfeld. An unserer Geschichte.

Diese Vielfalt ist ein Segen. Ist etwas ganz Besonderes. Denn sie zeigt uns beinahe täglich eine riesige Fülle. Eine Fülle, die entsteht, wenn viele unterschiedliche Dinge zusammenkommen, sich gegenseitig ergänzen und ausgleichen.

Das Du manche Dinge vielleicht nicht kannst oder anders siehst, ist kein Mangel, sondern sorgt dafür, dass auch andere Platz haben. Wir ergänzen uns gegenseitig und brauchen uns.

Alleine alles können und machen zu müssen wäre nichts Tolles. Es wäre eine riesige Überforderung. Und würde uns zu sehr einsamen Wesen machen.

Ich möchte einen Teil, des eben gelesenen Textes herausgreifen und uns das noch ein wenig bewusster machen:

3 Ich sage jedem Einzelnen von euch: Überschätzt euch nicht und traut euch nicht mehr zu, als angemessen ist. Strebt lieber nach nüchterner Selbsteinschätzung. Und zwar jeder so, wie Gott es für ihn bestimmt hat –und wie es dem Maßstab des Glaubens entspricht. (…)

6 Wir haben verschiedene Gaben, so wie Gott sie uns in seiner Gnade geschenkt hat: Wenn jemand die Gabe hat, (…) Aufgaben in der Gemeinde zu übernehmen, soll er ihr diesen Dienst tun. Wenn jemand die Gabe hat zu lehren, soll er als Lehrer wirken. 8 (…) Wer etwas gibt, soll das ohne Hintergedanken tun. Wer für die Gemeinde sorgt, soll es mit Hingabe tun. Wer sich um die Notleidenden kümmert, soll Freude daran haben.

Es war vor ca 20 Jahren, da habe ich mal mit einem Kassenführer zusammengesessen und er hat mir versucht, die Geheimnisse der Buchhaltung zu erklären. Er hat mir erzählt, dass er, wenn da in den Konten irgendetwas nicht stimmt und sei es auch nur, dass an einer Stelle ein Cent zu viel oder zu wenig ist, er die ganze Nacht nicht schlafen kann und arbeitet, bis er diesen einen Cent gefunden hat. Könnt Ihr Euch das vorstellen?

Und was bin ich froh, dass es solche Menschen gibt. Ich bin fasziniert und merke, da ist jemand ziemlich anders als ich. Zum Glück. Einem solchen Menschen kann man eine Kasse anvertrauen.

Ich mache gerne Platz, wenn jemand etwas besser oder anderes kann als ich. Ist doch hervorragend, wenn man nicht alles selbst können muss. Wenn man sich gegenseitig ergänzt.

Es ist sogar so, dass dieses sich gegenseitig ergänzen nicht nur gut ist. Die Bibel beschreibt es sogar als Gottes Idee. So wie der Geist Gottes die Gaben und Fähigkeiten verteilt…

Gott hat das so gemacht, damit wir aufeinander angewiesen sind. Damit wir erkennen, dass wir einander brauchen. Damit keiner von uns auf die Idee kommt, er wäre wichtiger oder mehr wert als ein anderer / als eine andere.

Du bist ein Unikat, weil Du manches nicht kannst. Vielleicht bist Du darüber traurig. – Mit meinen Eltern haben wir uns von ein paar Wochen über Nachbarschaft unterhalten. Mein Vater sagte: die besten Nachbarschaftsbeziehungen hat man dort, wo man um Hilfe bittet oder bitten muss.

Es stimmt. Weil wir etwas nicht können oder haben, weil wir etwas brauchen, was andere haben, entstehen Beziehungen. Ganz gute Beziehungen. Z.B. zu den Nachbarn, die auf unsere Katze aufpassen, wenn wir weg sind. Manche Beziehungen entstehen überhaupt nur, weil wir etwas nicht können. Im Alter. Oder in Krankheitszeiten.

Ein Unikat kann bestimmte Dinge nicht. Hat bestimmte Fähigkeiten nicht. Hat blinde Flecken. Das mag uns manchmal ärgerlich vorkommen und an unserem Selbstbewusstsein kratzen. Letzten Endes ist es ein Segen. Durch unseren Mangel sind wir aufeinander angewiesen. Durch unsere Mängel entsteht eine Gemeinschaft. Ein Miteinander.

Wir sind natürlich auch Unikate, weil wir etwas können, das wir einbringen und anderen zur Verfügung stellen können. In unserem Beruf. In unseren Familien. In der Gemeinde. Du kannst ein Instrument spielen? Die bist digital auf der Höhe der Zeit? Du bist ein Motivator? Du siehst, wo’s fehlt und man dringend handeln sollte? Du hast Geld? Eine reich gefüllte Werkstatt? Kannst backen? Kennst Dich am Sternenhimmel aus? Bist sensibel und spürst, was Mitmenschen brauchen? Kannst reden?

Gott hat Dir Deine Fähigkeiten anvertraut, damit Du sie nutzt und einbringst. In das Leben. In die Gemeinschaft. Zu Deinem Nutzen und zum Nutzen aller.

Ich möchte noch zwei Aspekte ergänzen:

Deine Lebensgeschichte ist auch eine Gabe. Dein Werden, dein Weg durchs Leben, Deine Geschichte mit Erfolgen und Misserfolgen, mit Glück und Fehlern macht Dich zu einem Unikat. Zu etwas völlig Einmaligen in dieser Welt.

Ich bin immer wieder fasziniert von der unglaublichen Vielfalt, die Leben heißt. Dein Platz im Leben gibt Dir eine einmalige Perspektive auf das Leben und die Welt. Du hast Länder und Welten gesehen. Du hast Erfahrungen mit Menschen gemacht, die nur Du gemacht hast. Du bist einen Weg durchs Leben gegangen, den nur Du gegangen bist.

Wenn Du da bist und Dich einbringst, kommt dieses einmalige Stück Weltsicht und Leben zur Fülle hinzu. Wenn Du Dich rausziehst, fehlt es. Fehlt Dein Ton im Oratorium des Lebens. Deine Stimme.

Vielleicht denkst Du, dass es bei so vielen auf Dich nicht ankommt. Gott sieht es anders. Denn er hat Dich geschaffen. Als dieses eine unverwechselbare Unikat. Und weil er Dich geschaffen hat, will er Dich auch dabeihaben.

Das andere, das ich ergänzen will, ist: es ist auch eine Gabe, wenn man etwas Neues lernen oder sich mit etwas ganz Neuem beschäftigen kann. Mit etwas, das man vorher noch nie gemacht hat.

Gaben und Fähigkeiten beschränken sich nicht nur auf den Anfang. Darauf, dass wir ein wie auch immer geartetes Päckchen mit auf den Weg bekommen haben. Nein, unser Leben entwickelt sich. Verändert sich. Wir sind lernende Wesen. Die Gaben des Geistes sind nicht einmal vergeben und das wars. Der Geist ist lebendig. Und wir sind es auch. Und deshalb kann es im Leben geschehen, dass wir Dinge hinzugewinnen. Neue Gaben entdecken, entwickeln und ausbauen, die wir möglicherweise vorher nicht gehabt haben.

1983 kam das erste Handy auf den Markt 1994 das erste Smartphone. Jeder, der früher zur Welt kam und heute ein Smartphone nutzt, hat Fähigkeiten entwickelt, die er vorher nicht hatte.

Ich verstehe heute eine Bezirksbuchhaltung etwas besser als zu Beginn meiner pastoralen Laufbahn.

Dafür kann ich heute kaum mehr Klavier spielen. Oder Tischtennis.

Unsere Fähigkeiten verändern sich, entwickeln sich. Oder verschwinden auch mal. Gerade weil wir Unikate sind und eine einmalige Geschichte haben, gibt es dabei kein System. Es hängt vom Leben ab. Und von Gottes Geist. Und unserer Bereitschaft, uns auf ihn einzulassen.

Vielleicht denkst Du, Du hast noch nie eine Predigt gehalten. Eigentlich würdest Du das gerne mal versuchen. Mach es. Oder Du denkst – wenn ich im Bereich Gemeindearbeit etwas zu sagen hätte, dann würde ich in dieser Zeit unbedingt dieses oder jenes machen. Oder es zumindest versuchen. Herzlich willkommen. Wir entwickeln uns gerne weiter.

Zum Schluss noch die Frage: Wozu eigentlich das Ganze? Ich hab vorhin gesagt, dass Gott das so will. Er will, dass wir das Leben leben, das er uns geschenkt hat, mit den Möglichkeiten, die er uns ins Leben hineingibt. In der Gemeinde, in unserer Umgebung, in der Gesellschaft auf dieser Welt.

Das ist sogar die rechte Weise, Gottesdienst zu feiern, sagt Paulus. Erinnert Ihr Euch noch an den Beginn der Lesung. Dort heißt es:

Ich bitte euch: Stellt euer ganzes Leben Gott zur Verfügung. Das wäre für euch die vernünftige Art, Gott zu dienen. – Bei Luther: euer vernunftgemäßer Gottesdienst…

Auf diese Weise erkennt ihr, Was gut ist, was Gott gefällt und was vollkommen ist.

Das ist das Leben: was gut ist, was Gott gefällt. Was vollkommen ist. Dieser vernünftige Gottesdienst entsteht dadurch, dass viele Unikate sich einbringen und sich so gegenseitig ergänzen.

Vielleicht noch ein paar Anregungen für Unikate:

1. Bringe Dich ein. Es gibt hier etliche, die schon ihren Platz gefunden haben. Aber es gibt für jede und jeden einen Platz. Und wir können auch alle brauchen. Das, was wir tun, ergibt sich aus den Menschen, die mitmachen.

2. Bitte um Unterstützung und Ergänzung. So entstehen Beziehungen. Auch in der Gemeinde.

3. Dass jeder ein Unikat ist, heißt nicht, dass man nur macht wozu man Lust hat. Immer wieder braucht es auch Menschen, die bereit sind, eine Aufgabe wahrzunehmen, die getan werden muss unabhängig davon, ob sich gerade jemand findet, der die Begabung dazu hat oder ob jemand Lust dazu hat. Wir brauchen eine Kassenführung. Wir haben Häuser, also brauchen wir Menschen, die sich darum kümmern. Für Gottesdienste brauchen wir in der Regel Musikerinnen und Musiker. Und Prediger. Mancher hat seine Traumaufgabe schon gefunden, weil er sich auf so etwas eingelassen hat. Das ist nicht das schlechteste.

4. Vielfalt ist klasse – aber manchmal auch anstrengend. Vor allem dann, wenn man alle unter einen Hut bekommen will. Das erfordert Geduld und Barmherzigkeit. Manchmal ergeben sich daraus auch Grenzen, über die man nicht so einfach hinwegkommt. Nicht alle können mit allen. Keine Veranstaltung ist für wirklich alle. Das sind die Grenzen, an die wir manchmal stoßen. Sie sind schmerzhaft und ärgerlich, aber manchmal einfach da.

Jede und Jeder ist ein Unikat Gottes. Und als solcher wichtig und wertvoll für alle. Für das Ganze. Seid nicht nur da, sondern auch dabei. Macht mit. Darin wird Gottes Reich unter uns sichtbar. Dazu sind wir in dieser Welt. Auf diese Weise dienen wir Gott. Darüber sind wir von Herzen dankbar.

Gott segne uns darin. Amen

Stille

Kurzes Gebet

GB 407,1-6 Gott baut ein Haus, das lebt