Predigt: Jesus: „Die zu mir kommen, werde ich nicht abweisen“(Jahreslosung 2022)

Text/Thema: Joh 6,37 (Jahreslosung 2022)

Die zu mir kommen, werde ich nicht abweisen. Jesus (Joh 6,37)

Die Jahreslosung nach der Gestaltung von Michael Kasparek und Susanne Niemeyer von der edition ahoi:

Freikarte!

Und dann: Die zu mir kommen, werde ich nicht abweisen. Jesus.

Rückseite Freikarte

Beispielhaft: Die weinen, Die zweifeln, Die lachen, Die widersprechen, Die sich sehnen, Die lieben, Die luftiküssen, Die suchen, Die träumen, Die stolpern, Die hartnäcken, Die sich schämen, Die warten, Die fühlen, Die kämpfen, Die freigeistern, Die sich wundern, Die stören, …

Schaut euch mal um – ich bin sicher, da ist auf die eine oder andere Weise jede und jeder von uns angesprochen. Du bist dabei. Du bist eingeladen.

Auf alle übertragbar – Einlass jederzeit

Gerne dürfen Sie sich am Ausgang eine solche Freikarte mitnehmen…

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Natürlich habe ich in der Adventszeit sofort an das Lied „Macht hoch die Tür gedacht“. – Vielleicht kennt Ihr ja die Entstehungsgeschichte des Liedes? Georg Weissel, Königsberger Pfarrer und Liederdichter war um 1620 herum in einem Sturm unterwegs. Ganz und gar fürchterliches Wetter. Er kam an den Dom. Der humorvolle Küster öffnete ihm die Tür mit einer tiefen Verbeugung und sagte: „Willkommen im Hause des Herrn! Hier ist jeder in gleicher Weise willkommen, ob Patrizier oder Tagelöhner! Sollen wir nicht hinausgehen auf die Straßen, an die Zäune und alle hereinholen, die kommen wollen? Das Tor des Königs aller Könige steht jedem offen“. Die Idee für „Macht hoch die Tür“ war geboren.

Es unterstreicht natürlich total, was Jesus gesagt hat: Jeder ist bei Gott herzlich willkommen. Seine Tür steht allen offen.

Im Sturm ist das natürlich klar, da will man rein und ins Trockene.

Aber ich bin nicht immer im Sturm. Ihr seid es auch nicht.

Und ich nehme auch nicht jedes Angebot an. Woher soll ich wissen, dass ausgerechnet ich gemeint bin?

Freikarten gibt’s doch heute nur für Fußballspiele oder Zirkusvorstellungen, in die keiner will. Die Plätze sollen irgendwie voll werden.

Und von Traktatverteilern nehme ich generell nichts.

Bei den vielen Angeboten, die mich erreichen, wähle ich doch sehr gut aus und überlege: was brauche ich wirklich?

Ein Angebot, eine Einladung, da geht es um einen Mehrwert. Für mich.

Was brauche ich? Was suche ich? Glück? Freundschaft? Geborgenheit? Ein Dach über dem Kopf? Etwas zu essen? Eine Klamotte? Einen neuen Job?

Die offene Tür ist im Sturm ein echter Mehrwert. Eine Freikarte ist das nicht immer.

Die Menschen zur Zeit Jesu haben den Mehrwert jedenfalls nicht auf den ersten Blick erkennen können. Es geschehen Wunder. Jesus macht 5000 Leute satt. Und geht übers Wasser. Aber die Leute sind skeptisch. Sie trauen dem Angebot und der Sensation nicht.

Am Ende der Geschichte sind die einen wütend. Die anderen wenden sich ab. Nur wenige, in der Regel eher die unverbrauchten, nicht so religiösen nehmen das Angebot an.

Worin also liegt der Mehrwert des Angebots Jesu? Wo ist der Punkt, der credit, der mir sagt: das ist für mich und das ist es wert, dass ich mich damit beschäftige und dass ich es annehme?

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Und noch etwas wird mir bei der „Freikarte“ bewusst. Etwas, das auch bei Jesus so war.

Das Angebot Jesu ist für alle Menschen. Es ist für alle gut und wichtig. Alle sind gemeint. Alle sind Geschöpfe und Kinder Gottes. Es ist universal.

Aber wer für alle da ist, heutzutage, ist letztlich für niemand da. Alle, das gibt es nicht wirklich. Selbst wenn es so ist, will doch jeder Mensch individuell angesprochen werden. Ich will und brauche das Gefühl, dass ich gemeint bin. Das universale Angebot Jesu muss individuell werden.

Die ganze Werbewelt von künstlicher Intelligenz und Algorithmen bemüht sich um genau dies: mir aus dem Universum der unendlichen Möglichkeiten deutlich zu machen, was genau ich persönlich wollen und brauchen könnte. Und sie sind darin schon gar nicht schlecht.

Gleichzeitig universal für alle und für jeden persönlich individuell.

Das Angebot Jesu ist universal und individuell. Es geht an jeden Menschen dieser Welt. Alle sind Geschöpfe Gottes und seine Kinder. Jesus will alle erreichen. Die Menschen seiner Zeit. Und uns. Bis zum heutigen Tag. Alle.

Aber jeden Menschen auf seine individuelle Weise. Die Luftikusse und die Traurigen, die Denker und Strategen genauso wie die Sehnsüchtigen und Freigeistigen. Maria Magdalena und Zachäus, den Pharisäer Nikodemus, den Fischer Petrus und den zweifelnden Thomas.

Jeder und jede soll und kann so mit Jesus ins Gespräch kommen und in Beziehung sein wie er das kann und mag.

Vielleicht denkt Ihr, das war schon immer so. Wir übersehen dabei aber vielleicht, dass sich unsere Zeit in den letzten Jahren im Bereich Beziehungsformen mal wieder ziemlich gewandelt hat: Früher kannte man nur wenige Formen, bei denen man in der Regel eine klare Vorstellung hatte: die Familie. Der Staat. Die Kirche. Vielleicht noch Nachbarschaft und ein paar Freunde.

Heute gibt es so viele Beziehungsformen wie es Menschen gibt. Da heiraten zwei. Aber – heißen sie jetzt gleich? Wohnen sie am selben Ort? Leben sie zusammen? Welche Interessen teilen sie, welche nicht? Haben sie Kinder, sind es die eigenen, sind sie adoptiert, sind es Stiefkinder oder nur in Pflege. Oder eine Mischung aus allem. Abgesehen von der Frage, ob es zwei Menschen unterschiedlichen Geschlechts sind oder nicht. Unendlich sind die Möglichkeiten.

Wir leben unterschiedliche Leben und Beziehungen an unterschiedlichen Orten. Gleichzeitig. Und im Netz.

Dabei haben wir noch gar nicht berücksichtigt, dass wir als Menschen total unterschiedlich sind: sensibel die einen, robust die anderen. Der Eine ängstlich, der andere mutig. Emotional die einen, gar charismatisch unterwegs, andere eher nüchtern.

Und genau in dieser Unterschiedlichkeit wollen wir angesprochen werden.

Deshalb sollten wir meines Erachtens genau so die Beziehung zu Jesus formulieren. Wir müssen uns bewusst machen, dass es so viele verschiedene Formen gibt, ein Christ, eine Christin, eine Jesusjüngerin, ein Jesusjünger zu sein, wie es Menschen gibt. Mit allen Möglichkeiten der Nähe und Distanz. Individuell. Sehr individuell. Jeder Mensch, jeder von Euch lebt seine ganz eigene Beziehung zu Jesus.

Seht euch mal um. Wir sind sehr unterschiedlich. Und das ist gut so.

Das war schon immer so. Wir haben es aber nicht schon immer so gesagt.

Die Freikarte gibt das sehr schön wieder.

Die Gefahr unserer Zeit ist, dass wir unsere Individualität höher bewerten, als die Universalität. Oder soll ich besser sagen, die Gemeinschaft.

Die Gemeinschaft ist mindestens gleich wichtig wie der Einzelne. Das Miteinander. Die Individuellen sind miteinander unterwegs. Jede und Jeder einzelne bereichert die Gemeinschaft. Auf diese Weise ist die Gemeinschaft mehr als die Summe der Einzelnen.

Ich wünsche mir sehr, dass wir diese Offenheit, auch in unseren Gemeinden leben. Es gibt nicht die eine Form, Christ zu sein, oder Christin. Jede und jeder hat seine eigene Glaubensform, seine eigene Form und Intensität des Glaubens. Mit allen Formen der Nähe und Distanz, mit Ritualen, mit geprägten und mit freien Formen. Und trotzdem sind wir miteinander unterwegs.

Das macht es für eine Organisation wie eine Kirche nicht leicht. Aber es lohnt sich, trotzdem zusammen zu bleiben.

Gerade in der Unterschiedlichkeit, die Gemeinschaft nicht aufzugeben. Universalität und Individualität.

Wie hat es unser Kirchengründer John Wesley formuliert: im Wesentlichen Einheit im Übrigen Freiheit und Vielfalt. Über allem die Liebe.

Wir sind uns einig, dass wir in Jesus Christus Gott selbst erkennen und entdecken… Sein Leben und sein Tod zeigen uns Gott. Aber wie wir nun in Beziehung zu ihm kommen und diese Beziehung leben …?

Du bist gemeint. In deiner Individualität. Herzlich willkommen!!

Aber die anderen sind es auch.

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Die Schwierigkeiten, die wir heute damit haben, Individualität und Universalität zusammen zu halten, sind übrigens dieselben, die auch schon Jesus hatte. Denn seine Haltung lässt sich schlecht in Gesetze, in Gebote oder gar Verbote packen.

Aber seine Haltung ist auch nicht beliebig. Mitnichten.

Gott sieht jeden Menschen so wie er ist. Und er liebt ihn grenzenlos. Diese Liebe will das Heil jedes einzelnen Menschen. Seine Gesundung – wenn wir so wollen. Seine Vollkommenheit. So wie Gott ihn sich gedacht hat. Als gutes, heiliges Geschöpf. Am Ende.

Individuell. Aber alle. Universal.

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Was ist der Mehrwert? Genau das. Dass Du zu einem glücklichen, geheilten Menschen werden sollst, der mit sich, mit seiner Umwelt und mit Gott im Reinen ist.

In der Individualität. In deiner Persönlichkeit.

Aber eben nicht nur du, sondern alle anderen auch.

Jesus verwendet in unserem Text das Bild vom Brot. Das Brot des Lebens.

Kannst Du Dir vorstellen, was Jesus damit in Deinem Fall meint? Überleg dir, was das ist, das dein Leben Ruhe finden lässt. Glück. Zufriedenheit. Frieden. Frei von Angst oder Sorgen. Freiheit. Leichtigkeit. Geborgenheit. Ordnung. Boden unter den Füßen.

Das bietet dir Jesus mit dem Brot des Lebens an.

An anderer Stelle sagt Jesus ganz ähnlich: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid …“ und dann kommt eine herrliche Formulierung „… dann werdet ihr Ruhe finden für eure Seele“.

Jeder einzelne. Wir alle gemeinsam.

Du bist herzlich eingeladen.

… einige Augenblicke der Stille …

(Kurzes Gebet)

Solltet Ihr mal einen Film anschauen wollen, in dem diese Dinge leicht aber schön und gut zusammenkommen, schaut euch den deutschen Weihnachtsfilm „Obendrüber schneit es“ an. Sehr gelungen wie ich finde.