Predigt „Neue Kraft zum Leben“

Pastor Markus Bauder

Text/Thema: Neue Kraft zum Leben (1. Kö 19,1-7)

Gehalten (Datum/Ort): 20.3.22 S-HK(Livestream);

1. Könige 19,1-7 (Basisbibel)

1 Ahab erzählte Isebel alles, was Elija getan hatte – auch dass Elija alle Propheten des Baal getötet hatte. 2 Daraufhin schickte Isebel einen Boten zu Elija und drohte ihm: »Die Götter sollen mir antun, was immer sie wollen, wenn ich deinem Leben nicht ein Ende setze! Morgen um diese Zeit soll es dir ergehen wie den Propheten, die du getötet hast!« 3 Da geriet Elija in große Angst. Er sprang auf und lief um sein Leben. So kam er nach Beerscheba an die Grenze von Juda. Dort ließ er seinen Diener zurück. 4 Er selbst ging noch einen Tag lang weiter – tiefer in die Wüste hinein. Dann setzte er sich unter einen Ginsterstrauch und wünschte sich den Tod. »Es ist genug!«, sagte er. »Herr, nimm mir doch das Leben! Denn ich bin nicht besser als meine Vorfahren.« 5 Schließlich legte er sich hin und schlief unter dem Ginsterstrauch ein.

Plötzlich berührte ihn ein Engel und forderte ihn auf: »Steh auf und iss!« 6 Als Elija um sich blickte, fand er etwas neben seinem Kopf: frisches Fladenbrot und einen Krug mit Wasser. Er aß und trank, dann legte er sich wieder schlafen. 7 Doch der Engel des Herrn erschien ein zweites Mal. Wieder berührte er ihn und sprach: »Steh auf und iss! Denn du hast einen weiten Weg vor dir!«

Wann warst du das letzte Mal in Beerscheba? An jenem Ginsterstrauch?

In einer ähnlichen oder vergleichbaren Situation wie Elia?

Am Ende. Oder so gut wie.

Elia hat sich verausgabt. In seiner Berufung. In seinem Beruf. In seinem Leben. Hat sich für Gott eingesetzt, deutlich über seine eigenen Kräfte…

Und dann genügte ein kleiner Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Ein laues Lüftchen in Form einer weiteren Bedrohung und er fällt um. Buchstäblich.

Dabei muss es nicht unbedingt ein ausgewachsenes Burnout Syndrom sein oder eine diagnostizierte Depression. (Bei der wir unbedingt ärztliche Hilfe brauchen und es einer langen Therapie bedarf, bis dass wir wieder zu Kräften kommen.)

Ich denke, diesen Ginsterstrauch kennt jeder.

Vermutlich liegt es auch nicht immer nur an einer Überforderung. Manchmal ist es auch das Wetter oder die Jahreszeit.

Oder die Gesamtsituation, in der wir uns wiederfinden. Müde sind wir und erschöpft.

Da sitze ich dann da und denke, heute geht aber auch gar nix…

Ich mag nicht, ich kann nicht. Ich bin so leer…

Vor einigen Tagen war es, da sagte ich zu meiner Frau: ich will jetzt nichts mehr hören von Corona und vom Krieg. Ich halt das nicht mehr aus. Das zieht mich runter und zehrt an meinen Kräften.

Dabei geht’s mir ja gut. Eigentlich. Verglichen mit dem unendlichen Leid, das Putin über die Ukraine gebracht hat. Absichtlich, skrupellos, ohne Mitleid. An die Millionen Menschen auf der Flucht. Und die unsäglichen Situationen und Zwickmühlen, in die er Politiker, Wirtschaftler und andere Verantwortliche auf der ganzen Welt gebracht hat.

Ich mag nicht mehr. Ich kann nicht mehr. Es ist genug! Es ist genug!

„Mach End, o Herr! Mach End!“ ist dann nicht nur ein etwas zu laut geratener Stoßseufzer eines gelangweilten Predigthörers, sondern ganz ernst gemeint. „Mach End, o Herr!“ – ich kann das nicht mehr ertragen. Beende den Krieg oder beende mein Leben.

Oder beende diese oder jene Krise in meinem Leben. Die Krankheit. Das berufliche oder familiäre Chaos. Ich halte diesen Stress, diesen Raubbau an den Kräften einfach nicht mehr aus. Ich bin so leer. So ohne Kraft. Wie eine leere Hülle. Das Leben, die Sonne, die Farben, alles weg…

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Es ist ok. Es ist ok, wenn ich so denke und fühle. Das ist völlig normal, dass wir nicht nur einmal und existentiell, sondern immer wieder an unsere Grenzen stoßen. Immer wieder. In der Familie. Im Beruf. Im Leben. Das geschieht nicht nur den Workaholics unter uns oder den Übersensiblen. Oder denen, die angeblich nicht genug beten oder richtig glauben.

Es geschieht mehr oder weniger allen, wenn die eigenen Kräfte verbraucht sind und der Tank leer ist.

Auch Elia, dem ersten und besten Mann Gottes. Damals in Israel. Ich habe ein Büchlein im Regal, da kommt auch die Eliageschichte vor, das trägt den Titel „Angefochtene Gottesknechte in der Seelsorge Gottes“.

Ein altes Buch, es kommen auch nur Männer drin vor. Aber vielleicht erwischt es auch fromme Männer mehr als Frauen …

Menschen in der Krise sind in der Bibel immer auch Menschen, denen Gott besonders nahekommt. Und an denen wir sehen können, wie Gott mit Menschen in der Krise umgeht.

Was wir an der Eliageschichte auch sehen können ist, dass Gott durchaus professionell und sogar wissenschaftlich richtig handelt.

Schlaf, Wasser, Brot… Eine neue Orientierung. ….

Elia tut, was wir in einer Grenzsituation vermutlich auch tun. Er zieht sich zurück. In die Wüste. Ganz allein. Sogar seinen Diener lässt er zurück. Niemanden mehr sehen, niemanden mehr brauchen, allein sein… Nicht jeder hat eine Wüste vor der Haustür. Aber ein Zimmer, ein Sofa. Rollläden runter. Wegfahren. Offline sein – für niemanden mehr erreichbar.

Was wir vielleicht von ihm lernen können, ist, dass er sich in seinem Frust an Gott wendet. Er betet. Sehr ehrlich, sehr offen und klar. Erschöpft und müde macht er nicht mehr viele Worte: Mach End o Herr, es ist genug.

Schlafen. Nur noch schlafen. ————-

Wir wissen inzwischen, wie wichtig schlafen für uns ist. Wie unendlich wichtig für unsere Gesundheit. Für unser Leben. Für die seelischen, körperlichen und geistigen Kräftetanks unseres Lebens.

Gerade in der Krise. Wenn ich das richtig sehe, dann ist eines der Hauptziele, die Ärzte und Fachleute bei Burnout oder Depression als erstes anstreben, dass der Mensch, der Körper, die Seele, der Geist, zur Ruhe kommen. Medikamente sollen helfen, zur Ruhe zu kommen.

Deshalb ist in einer Burnout-Therapie oder Reha oft auch erstmal nichts. Komm runter!

Oft kann man ja nicht schlafen, weil der Kopf und die Seele ununterbrochen weiterlaufen. Es braucht Zeit, bis man erstmal wieder richtig Schlafen kann. Um dann auch richtig schlafen zu können.

Das dauert – auch bei Elia… Ist aber wichtig!

Wasser und Brot. Ich habe mir diese Szene schon oft vorgestellt. Und ich weiß und spüre dann fast körperlich, wie köstlich kühles, frisches Wasser schmeckt. Und frisches, warmes Brot. Knusprig und weich.

Ich kann regelrecht nachfühlen, wie Brot und Wasser neue Kräfte in Elia wecken… Wie frische Energie in seine Tanks fließt.

Was ist für dich Wasser und Brot? Was weckt diese Lebensgeister in dir? Wo merkst du, dass allein der Gedanke daran, schon Lust auf mehr macht und es kribbelt und die Energie prickelt.

Wasser und Brot. Oder etwas anderes zu essen. Lachsnudeln. Oder gemütlich Bewegung. Ein Vollbad. Spazierengehen. Musik hören. Musik machen. Die Seele baumelt. Erholt sich. Muße…

Möglichst nichts, was den Körper, die Seele, den Geist belasten… Nichts, was uns stopft. Und doch von außen kommt. Die Speicher werden wieder aufgefüllt.

Elia erlebt dann, dass das Ende doch nicht das Ende ist. Nach dem Dunkel kommt ein neuer Morgen. Die Sonne geht auf. Die Kräfte sind wieder da. „Du hast einen weiten Weg vor dir!“

Ein Weg. Und er ist weit.

Eine neue Orientierung. Eine neue Berufung oder Aufgabe. Wieder neu ins Leben starten.

Nach einer Flucht aus der Ukraine. Nach einem Krieg. Nach Corona. Nach einer persönlichen Krise. Nach einer Erschöpfung oder Depression. Nach dem Winter. Nach der Nacht.

Ich höre da Stichworte wie:

  • Im neuen Leben ankommen. Sich neu ausrichten. Orientieren. Von dem neuen Jetzt weitergehen.
  • Sei bereit, nun auch wieder einen Weg zu gehen. Das Leben ist nicht vorbei. Da warten noch Aufgaben auf dich.
  • Gott hat einen Plan. Geh los. Bleib nicht stehen.
  • Jetzt ist aber auch gut. Du kannst jetzt wieder. Die Zeit der Pause ist vorbei. Bring dich wieder ein und mach mit.
  • Es ist ein weiter Weg. Übernimm dich nicht. Gehe deinen Weg. Aber nicht zu schnell. Und nicht über deine Kräfte. Möglichst. Belastungssteuerung. Ein Stichwort aus der Trainingslehre für Sportler… Man ist dem Kräfteverbrauch an Körper, Seele und Geist nicht hilflos ausgeliefert. Jedenfalls nicht immer. Man kann auch dazulernen. Und trotzdem gnädig sein mit sich selbst.

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Krisen gehören dazu. Dass meine Kräfte immer wieder auch mal verbraucht sind und meine seelischen oder körperlichen Tanks leer sind, ist normal.

Gott weiß, was ich brauche. Und er gönnt mir das nicht nur, er fordert mich geradezu auf, meine Krafttanks immer wieder aufzufüllen.

Aber dann darf ich meine Kräfte auch einsetzen und nutzen, mich neu auf einen Weg schicken lassen.

Ein Gedanke zum Schluss: Da war doch so ein Engel…

Da war ein Bote Gottes, der Elia Brot und Wasser hingestellt hat, der ihn aufgefordert hat zu essen und zu trinken. Und der ihn dann auf den neuen Weg geschickt hat…

Der Engel … Die Engelin …

Bist Du heute schon einem Engel begegnet? Warst Du heute schon Engel für jemanden?

Jede und jeder von uns braucht solche Engel. Boten Gottes, die uns zur Hilfe werden. Und die uns einen neuen Weg weisen können.

Putin bräuchte dringend einen solchen Engel.

Die Menschen, die in der Ukraine ausharren müssen, brauchen solche Engel. Die Menschen, die aus der Ukraine fliehen, brauchen Engel.

Aber es gibt nicht nur die Ukraine. Jede und jeder von uns braucht Engel und jede und jeder kann für einen anderen zum Engel werden.

Manchmal sogar parallel und gleichzeitig. Engel nötig haben und Engel sein.

Manchmal weckt es sogar unsere Lebensgeister, wenn wir etwas für andere Menschen tun können. Und hilft uns, den Blick von unseren eigenen Problemen abzuwenden. Oder sie ins rechte Verhältnis zu setzen.

Lebenspartner sind einander auch solche Engel. Oder Eltern für ihre Kinder. Kinder für ihre Eltern. Freunde für Freunde. Menschen in der Gemeinde. Oder der Nachbarschaft.

Engel haben selten Flügel. Es sind Menschen, die in einer bestimmten Situation im Auftrag Gottes unterwegs sind. Manchmal sogar ohne dass sie es merken.

Ich wünsche heute allen Menschen, dies sich zur Zeit am oder unterm Ginsterstrauch wiederfinden, dass sie diese Zeit annehmen können. Dass euch Ruhe geschenkt wird. Dass ihr gut schlafen könnt und wirklich das bekommt, was ihr für euren Körper, eure Seele und euren Geist braucht. Mögen die Engel Gottes unterwegs sein um euch zu dienen.

Und ich wünsche euch auch, dass ihr das annehmen könnt.

Und gleichzeitig wünsche ich uns, dass wir bereit sind, in den unterschiedlichen Situationen unseres Lebens Engel zu sein. Unsere Kräfte und unsere Möglichkeiten dafür einzusetzen, dass Menschen geholfen wird. Wo immer es euch möglich ist. Wo immer ihr die Kraft oder das nötige Geld dazu habt. Einander zu Engeln zu werden, halte ich für eine der besten Tätigkeiten im Leben. Wenn nicht sogar die einzig sinnvollen… Im Auftrag Gottes unterwegs zu sein.

Der Herr segne euch dazu. Amen