Predigt: Rausgehen aus dem Lager

Text/Thema: Rausgehen aus dem Lager (Hebr 13,12-14)

Gehalten (Datum/Ort): 03.04.2022 S-HK M.Bauder

Einen eigenartigen Text haben wir da gerade gehört. Weil die Bilder und Vorstellungen so ungewöhnlich sind, lese ich Euch diesen kurzen Text noch einmal vor: Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. 13 So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen. 14 Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir. Heb 13,12-14 (Luther 2017).

Eigenartig: Jesus hat also draußen vor dem Tor gelitten. Damit das Volk, das irgendwie draußen vor dem Tor ist, geheiligt wird. Also irgendwie was ganz Besonderes wird. Gott ähnlich. Oder Anteil an seiner Kreuzigung bekommt. Draußen. Vor dem Tor.

Und dann wird der Gedanke von Jesus, der draußen leidet, auf die Gemeinde übertragen. Deshalb die Aufforderung: Lasst uns auch hinausgehen. Vor das Lager. Dorthin wo das Volk ist. Um Christus nachzufolgen. Draußen.

Drinnen – draußen. Was ist drinnen? Was ist draußen?

Und dann, wie wenn man sich darüber, dass man dann draußen ist, keine größeren Gedanken machen müsste, weil man ja sowieso hier auf dieser Erde keine bleibende Stadt hat. Eh keinen Ort, der sicher ist. Den man als endgültige Heimat bezeichnen könnte. ——————

Ich versuch mal, die Gedanken des Hebräerbriefes näher zu erläutern:

Jesus ist der ganz Heilige. Gott und oberster Priester. Hohepriester. Dort, wo Gott, wo Jesus ist, ist das Allerheiligste, das Göttliche. Der Tempel. Das Haus Gottes. Da dürfen auch nur die hin, die genauso heilig sind. Da kommt man nicht einfach so rein. Da zieht man die Schuhe aus, da betritt man heiligen Boden. Da braucht es eine besondere Vorbereitung, Lebensweise und Weihe.

Und Christus ist von diesem heiligen Ort, vom Tempel, hinausgegangen. Zu uns normalen Menschen. Er hat gewissermaßen den heiligen Ort, den Tempel, den Himmel verlassen, damit die Menschen, damit wir Anteil bekommen können an seinem Tod. Er ist zu uns gekommen. In die profane Welt. Hat sein Blut bei uns und für uns vergossen. Aus Liebe. Draußen vor dem Tor. In der Welt. Bei uns.

Dabei hat „draußen vor dem Tor“ für die Menschen damals nochmal eine verschärfte Bedeutung: es gab nicht nur das draußen vor dem Tor, wenn es um den Tempel, um den heiligen Ort ging. Drinnen das Allerheiligste, draußen die normalen Menschen. Es gab noch ein weiteres draußen vor dem Tor. Nämlich außerhalb der Stadt. Außerhalb des Dorfes oder des Lagers. Wer draußen war, war außerhalb der Gemeinschaft. Und damit, der Gefahr, dem Tod und dem Bösen deutlich mehr ausgesetzt als andere Menschen. Draußen ist nicht der Segen, da lauert der Fluch.

Die Händler, die draußen unterwegs waren, waren verwegene und mutige Leute. Leute, die sich in Gefahr begaben. Hirten, die draußen ihr Brot verdienten, waren verwegene und mutige Leute. Wer für vogelfrei erklärt wurde, durfte nicht mehr drinnen sein. Wer eine besondere Krankheit hat, auch nicht.

Draußen sein – das war nicht schön. Da war man nicht freiwillig.

Heute gibt es natürlich immer noch solche drinnen und draußen. Natürlich anders als damals. Drin sein in der EU oder draußen. In der Nato oder draußen. Da denken wir heute sogar mehr denn je – drinnen ist besser.

In manchen Kreisen gibt es besondere Aufnahmerituale, die sehr deutlich machen, wann man draußen und wann man drinnen ist. In manchen studentischen Verbindungen, in anderen Verbünden oder Clubs. Drinnen ist das Besondere, das Erstrebenswerte.

Als meine Frau und ich vor ein paar Jahren in Südafrika waren, waren wir überrascht, dass die Leute nachts nicht mehr gerne draußen waren. Und wenn, dann nur und ausschließlich mit dem Auto. Selbst wenn das Restaurant nur 500m weg war, ging man nicht zu Fuß. Nachts ist man nicht mehr draußen. Das ist auf irgendeine Weise gefährlich. Böse Menschen, aber auch wilde Tiere. In St. Lucia wiesen Schilder drauf hin, dass man nachts mit Nilpferden rechnen musste. Draußen.

Auch in der Kirche denken wir mitunter in drinnen und draußen. „Ein feste Burg ist unser Gott“. Wohl dem, der hinter diesen Mauern Schutz findet. „Zieh nicht am selben Joch mit den Ungläubigen“ – das war in meiner Kindheit noch ein Kennzeichen echten Christseins: sei nicht im Sportverein, geh nicht in die Kneipe. Tanzen war bei den Methos damals noch verpönt. Das war „die Welt“. Und man wollte zwar durchaus in der Welt leben, sich aber doch deutlich von der Welt unterscheiden. Bloß nicht am selben Strang ziehen. Lieber in der Gemeinde, in der Kirche sein als draußen.

Im Hebräerbrief, da sind die Leute zunehmend verunsichert. Die Christen haben sich von der übrigen Welt abgesondert. Sind für sich geblieben. Weil sie sich auf Christus gefreut haben. Er wollte ja bald wiederkommen. Man wollte die Zeit nutzen um sich auf dieses Zusammentreffen vorzubereiten. Man hat sich in der Gemeinde getroffen, hat viel zusammen gesungen, gebetet, in den Schriften gelesen, Abendmahl gefeiert. Und hat sich gleichzeitig von der übrigen Welt abgesondert. Man war drinnen. Nicht draußen.

Aber Christus kam nicht. Zumindest nicht so, wie sie sich das erhofft und gedacht hatten. Und manche sind dann wieder gegangen. Hinaus in ihre Welt. Und haben der Gemeinde den Rücken gekehrt.

Und nun also die Aufforderung: Christus hat draußen gelitten. Also wollen wir es ihm nachtun und nach draußen gehen. Vor das Lager. Weil wir hier eh keine bleibende Stadt haben…

Ich finde diesen Gedanken geradezu faszinierend. Gerade auf dem Hintergrund, dass wir als Bezirkskonferenz vorletzte Woche beschlossen haben, unser missionarisches Profil zu stärken. Zu schärfen.

Was heißt das denn für uns heute? So wie Christus nach draußen zu gehen. Vor das Lager. Vor den Tempel. Dorthin, wo es vielleicht auch gefährlich ist. Oder unbequem. Und unchristlich. Wo man unsere Bräuche gar nicht kennt und keine Ahnung hat, was wir in unseren Kirchen so tun. Und warum.

Aber eben dorthin wo die Menschen sind. Die Menschen, für die Christus gelitten hat und für die er gestorben ist.

Heute würden wir sagen, dass wir unsere Komfortzone verlassen sollten. Vielleicht tatsächlich nach draußen gehen. Vor die Tür der Hoffnungskirche. Auf die Straße. Zu den Menschen.

Also dass wir die Menschen nicht dazu einladen, hinter unsere Tür zu kommen, sondern dass wir von uns aus nach draußen gehen. Gottesdienste im Freien. Im sogenannten öffentlichen Raum. Der uns als Bürgerinnen und Bürgern, die zur Hoffnungskirche gehören, genauso gehört wie allen anderen Menschen der Stadt. Quasi draußen in der Stadt.

Oder vielleicht sogar vor der Stadt. – Also ganz draußen. Im Wald. An einem Fluss oder See. Abseits des Trubels.

Oder heißt es, bewusst zu den Menschen in unserer Umgebung zu gehen und herausfinden, was sie tatsächlich brauchen. Die Menschen, mit denen wir so unter der Woche zu tun haben. Wenn wir nicht Gemeindeleute sind. Sondern wenn wir Nachbarn sind, oder Arbeitskollegen, oder Schulkindereltern. Was brauchen denn unsere Mitmenschen?

Vielleicht heißt es auch, dass wir den Bezirksbeirat fragen, oder den Bürgermeister, die Bürgermeistern, was wir als Christen für die Menschen in unserer Stadt, unserem Stadtteil tun können. Ich weiß von einer Gemeinde, die das gemacht hat und sich dann bereit erklärt hat, bei anonymen, städtischen Beerdigungen geistliche und menschliche Begleitung zu sein. Niemand soll und muss den letzten Gang alleine gehen…

Es könnte auch heißen, mit anderen Menschen, die sich dem Gemeinwohl verpflichtet haben, zusammenarbeiten. In Esslingen kooperiert unsere Gemeinde mit Foodsharing, einem Verein, der abgelaufene Lebensmittel abholt und verteilt. Oder die Gemeinde unterhält eine Givebox, in der man gebrauchte Gegenstände abgeben oder finden kann. Sich als Gemeinde bewusst für das Gemeinwohl engagieren.

Vielleicht heißt es, Veranstaltungen so anzubieten, dass die Schwelle zu uns herein möglichst niedrig ist. Was wir ja mit großem Engagement schon tun: Der Feiertag für Menschen ohne und mit Wohnung z.B., der in diesem Jahr wieder mit einem kleinen gekochten Essen und einem Gottesdienst stattfinden soll. Dem Zeltlager oder der KiBiWo über die wir viele Kinder erreichen, die nicht zur Gemeinde gehören. Über unsere Gottesdienste, die wir versuchen, möglichst aktuell und zeitnah zu gestalten. Über digitale Kanäle, die heute für viele Menschen selbstverständlich sind.

Vielleicht heißt es aber auch einfach, offen für Menschen zu sein. Auf Leute zugehen und mit ihnen ins Gespräch kommen. Sich für ihr Leben und ihre Geschichte interessieren. Ihre Sorgen und Nöte, aber auch für das, was ihnen gefällt.

Oder sich im Seniorenzentrum Martha Maria ehrenamtlich engagieren oder in einem Krankenhaus als grüne Dame oder grüner Herr. Für andere da sein an einem Ort, wo die Grenzen unseres Lebens deutlich sichtbar werden.

Sich bei denen mit engagieren, die sich für Geflüchtete einsetzen. Seien sie jetzt aus der Ukraine oder Syrien, dem Iran oder Afghanistan.

Oder überhaupt, sich politisch einsetzen. Für eine Politik, die den Menschen dient und hilft.

Lasst uns zu Christus vor das Lager gehen.

Ich finde das eine faszinierende Vorstellung. Christus ist vor dem Lager. Draußen. Nicht im Tempel. Nicht im Allerheiligsten.

Überlegt Euch mal, wir sitzen hier und feiern Gottesdienst. Und Christus ist gar nicht hier. Nicht hier drinnen. Er ist draußen. Unterwegs bei den Menschen…

Ich will hier niemand verunsichern, aber wenn wir Christus nur hier drin suchen, suchen wir vermutlich einseitig.

Zu Christus vor das Lager gehen.

Übrigens – die meisten von Euch leben ja sowieso draußen. Vor dem Lager. Vor dem Tor der Kirche.

Viele von Euch haben ihr soziales Umfeld, ihr Lebensumfeld nicht in der Gemeinde. Nicht unter Christen. Ihr lebt mit Menschen zusammen, die vielleicht oft keine Christen sind und die auch nicht zu unserer Gemeinde gehören.

Unser Engagement als Christen konzentrieren wir aber auf die Kirche, auf die Gemeinde. Also auf diesen Ort hier. In unserem Stadtteil, in unserem Beruf, in unserem Freundeskreis spielt Christus oder die Gemeinde keine oder nur eine untergeordnete Rolle.

Dabei ist Christus in unserem direkten Umfeld mindestens so präsent wie hier in der Kirche. Er ist bereits vor Ort. Dort, wo ihr wohnt. Dort wo ihr arbeitet. Dort wo ihr mit Freunden zusammensitzt. Dort wo Eure Kinder in die Schule gehen oder die Eltern im Altersheim sind. Oder im Krankenhaus. Christus ist vor den Toren des Tempels. Draußen, vor dem Lager…

Vielleicht sollten wir uns das bewusst machen…

Wenn wir jetzt dann – nach dem Gottesdienst – wieder rausgehen. In unsere Welt. Vor dem Lager… Vor der Kirche. Christus ist bereits dort, wo wir jetzt dann hingehen…

Darum hat auch Jesus gelitten draußen vor dem Tor, damit er das Volk heilige durch sein Blut. 13 So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager.

Ich möchte eine Zeit der Stille lassen. Wir wollen Gottes Wort zu uns sprechen lassen.

GB 554,1-4 (Geht Gottes Weg, bringt Frieden in die Welt)