Predigt zu Jesaja 5, 1-7 – Gemeinschaftstreue

Predigt am 6.6.2021 HK, Walter Hertler

Ich möchte Ihnen heute eine besondere Liebesgeschichte vorstellen, eine Liebesgeschichte, ja ein Liebeslied, das wir in Jesaja 5, 1-8 finden:

(Gute Nachricht Bibel)

„Hört mir zu! Ich singe euch das Lied meines Freundes von seinem Weinberg: Auf fruchtbarem Hügel, da liegt mein Stück Land,
dort hackt ich den Boden mit eigener Hand,
ich mühte mich ab und las Felsbrocken auf,
baute Wachtturm und Kelter, setzte Reben darauf.
Und süße Trauben erhofft ich zu Recht,
doch was dann im Herbst wuchs, war sauer und schlecht.“

Ist das ein Liebeslied, werden Sie jetzt fragen. Hier geht es doch um einen Weingärtner! Ja, so ist es! Ein Weingärtner und sein vielversprechender Weinberg. Deshalb spricht man dabei auch vom Weinberglied.
Ich weiß nicht, ob ein Wengerter unter uns ist, aber sicher sind Einige unter uns im Raum und Zuhause auch begeisterte Freizeitgärtner. Auch eurem Garten gilt eure besondere Liebe. Auch ihr investiert viel Zeit, viel Mühe und Arbeit und hofft darauf, sich an einem schönen Ergebnis freuen zu können. An bunten Blumen, schmackhaften Tomaten, süßen Kirschen.

Ja, eine Liebesgeschichte also, die anfängt, wie man es sich vorstellt.

Aber wie endet sie?

Große Enttäuschung! Kein Ertrag, schlimmer noch, das Wenige, das die Reben tragen, ist auch noch ungenießbar.

So viel Mühe, und dann das!

Auch wir kennen das: die Blumen wollen keine Blüten entwickeln, der Kirschbaum trägt nichts, die Tomaten haben die Fäule. Da ist Frust und Enttäuschung.

Und wie reagiert unser Weingärtner?

„Jerusalems Bürger, ihr Leute von Juda,
was sagt ihr zum Weinberg, was tätet denn ihr da?
Die Trauben sind sauer – entscheidet doch ihr:
War die Pflege zu schlecht? Liegt die Schuld denn bei mir?“

Seltsam, jetzt fragt er auch noch die Leute nach ihrem Urteil. Natürlich hat der Weingärtner sich viel Mühe und Arbeit gemacht, aber was gibt es da zu urteilen?

Vielleicht war die Erde schlecht, oder vielleicht war die Rebe für diesen Untergrund ungeeignet. Vielleicht hätte man lieber Oliven anbauen sollen. Unter Umständen, so habe ich mich in solchen Fällen schon gefragt, liegts auch an meinen gärtnerischen Fähigkeiten. Oder was gibt es da sonst noch zu sagen?

Unsere Weinberggeschichte geht aber noch weiter:

„Ich sage euch, Leute, das tue ich jetzt:
Weg reiß ich die Hecke, als Schutz einst gesetzt;
zum Weiden sollen Schafe und Rinder hinein!
Und die Mauer ringsum – die reiße ich ein!
Zertrampelnden Füßen geb ich ihn preis,
schlecht lohnte mein Weinberg mir Arbeit und Schweiß!
Ich will nicht mehr hacken, das Unkraut soll sprießen!
Der Himmel soll ihm den Regen verschließen!“

Spätestens jetzt merken wir in unserer Irritation, dass da noch was anderes sein muss. Niemand straft doch seinen Weinberg für mangelnde Früchte. Vielleicht lässt man ihn in Ruhe, aber das?
Nicht mal Regen soll noch auf ihn fallen.
Wir erkennen jetzt, dass da Gott beteiligt sein muss, dass es nicht nur um einen Weinberg geht.
Die Auflösung kommt jetzt:

„Der Weinberg des Herrn seid ihr Israeliten! ‚
Sein Lieblingsgarten, Juda, seid ihr!“

Bei dieser Geschichte handelt es sich offensichtlich um eine Art Gleichnis. Niemals ist es um den Weinberg gegangen, immer ging es um das von Gott geliebte Volk, die Menschen in Israel und Juda und offensichtlich auch um ihr Tun.

Ein allerletzter Satz macht dies deutlich:

Er hoffte auf Rechtsspruch – und erntete Rechtsbruch,
statt Liebe und Treue nur Hilfeschreie!“

Sprachlich ein wunderschöner Text, aber was sind das für harte Worte Jesajas!

In welcher Situation sagt er sie?

Jesaja redet in einer Zeit, als es dem Land scheinbar ganz gut geht. Der Handel und die Wirtschaft florieren. Gleichzeitig geschieht aber auch etwas anderes: Immer mehr arme Bauern verlieren ihren kleinen Besitz an Großgrundbesitzer und verfallen in Fronarbeit, die Rechtsprechung verliert immer mehr die Armen, Witwen und Waisen aus dem Auge, Korruption ist an der Tagesordnung.

Jesaja schreibt dazu im Kapitel 1, 23: „Deine Fürsten sind Abtrünnige und Diebsgesellen, sie nehmen alle gern Geschenke an und trachten nach Gaben. Den Waisen schaffen sie nicht recht und der Witwensache kommt nicht vor sie.“

Darum geht es also in dieser Geschichte.
Gott hat mit Israel einen Freundschaftsbund geschlossen, hat dem Volk seine guten Gebote gegeben und wünscht sich, dass die Menschen auch danach leben.
Ein Bund, in dem dies vergessen wird, in dem die Schwachen nicht zu ihrem Recht kommen und das erhoffte Gute sich sogar ins Gegenteil verkehrt, macht Gott zornig. Dass im Land dieses Unrecht geschieht, schreit nach Strafe.
Jesaja muss genau dies den Menschen von Israel und Juda sagen.


Politisch war zu dieser Zeit das Volk der Assyrer in der Region am Aufstreben, und Israel und Juda wurden von ihm ernsthaft bedroht. Jesaja erlebt auch wenig später, wie Israel von diesen Assyrern überrollt wird und aufhört, zu existieren. Er sieht darin die direkte Strafe Gottes für das frevelhafte Unrecht im Land. Der Weinberg wird zerstört!

Mit diesen harten Worten spricht Gott also durch Jesaja vor über 2700 Jahren zu seinem Volk.

Die Enttäuschung Gottes über sein Volk ist begründet im letzten Satz des Weinberglieds (Jesaja 5,7): „Er hoffte auf Rechtsspruch – und erntete Rechtsbruch, statt Liebe und Treue nur Hilfeschreie!“

In einer anderen Übersetzung klingt das so: „Er hoffte auf Gut-Regiment doch siehe da Blutregiment. Auf Gemeinschaftstreu doch siehe da Hilfeschrei.“
Ein interessantes Wort, das hier benutzt wird: Gemeinschaftstreue.
Gemeinschaftstreue, ja das ist der Zielrahmen der Gebote, die Gott dem Volk Israel mitgibt.
Lebt danach, sagt er seinem Volk, und dann geht es euch zusammen gut.
Gemeinschaftstreue ist es auch, was die Propheten im Namen Gottes immer wieder einklagen.
Gegenüber den mächtigen politischen Führungen und gegenüber den großen Grundbesitzern.
Gemeinschaftstreu, solidarisch soll der Umgang miteinander und untereinander sein.
Jede und jeder soll erhalten, was zu einem guten Leben notwendig ist:
Arbeit, Einkommen, Wohnung.
Ausbeutung, Übervorteilung und Armut soll es nach Gottes Willen nicht geben.
Und Gott fordert auf: Schaut genau hin! Kämpft für Gemeinschaftstreue!

Schauen wir also hin:

Heute leidet jeder elfte Mensch auf dieser Erde Hunger. Die überwiegende Mehrheit dieser Hungernden lebt in Entwicklungsländern.
Dabei wären wir in der Lage, alle Menschen zu ernähren.
Und ich stehe vor meinem vollen Kühlschrank und schaue, was davon verbraucht werden muss, bevor es verdirbt.
Täglich sterben weltweit fast 24 000 Menschen an den Folgen von Mangel- und Unterernährung. Das sind etwa doppelt so viel, wie z.Z. weltweit täglich an Corona sterben. Und das geschieht nicht erst seit einem Jahr!
Die Berichterstattung in den Medien über die Bedrohung durch Covid-19 will teilweise nicht enden. Wann habt ihr den letzten Bericht über den weltweiten Hunger gesehen, gehört oder drüber gelesen?
Um den Hunger in den nächsten 10 Jahren auszurotten, bräuchte man jährlich etwa 250 Milliarden Euro. Da kommen in diesen 10 Jahren immerhin zweieinhalb Billionen Euro zusammen. Das ist allerdings weniger als für die Coronahilfen in Europa und den USA im letzten, also einem Jahr bereitgestellt wurde.
Dass dieser weltweite Hunger immer noch existiert, ist offensichtliches Unrecht. Ein Unrecht, das wir nicht in unserem Land erleben, aber das uns angeht. Und ich bin sicher, dieses Unrecht erzürnt Gott, denn Gott will Recht und Gerechtigkeit, er will Gemeinschaftstreue für alle Menschen und er will auch, dass wir danach leben. Auch wir müssen Unrecht als solches benennen und dagegen angehen.

Oft erkennen wir vorhandenes Unrecht nicht, aber viel davon können wir tagtäglich sehen – wenn wir wollen.

So haben wir uns schon dran, an die ertrunkenen Flüchtlinge im Mittelmeer gewöhnt.
Und wir fragen uns: Können wir denn überhaupt etwas daran ändern. Stehen wir nicht hilflos vor solchem Unrecht, müssen wir nicht machtlos zusehen oder noch schlimmer – wegsehen?  Die existierenden Strukturen sind doch viel zu stark.
Genau diese Fragen werden sich wahrscheinlich die Menschen in Israel auch in ähnlicher Weise gestellt haben, damals als Jesaja das Unrecht in der Gesellschaft anprangerte.

Sind wir also hilflos? Nein, so hilflos sind wir nicht!
Brot für die Welt, von der ich auch die Zahlen über den Welthunger habe, gibt uns hierfür kleine Hilfen an die Hand:

  • Kaufen wir nur so viele Nahrungsmittel, wie wir essen.
    Jedes Lebensmittel, das nicht verschwendet wird, wirkt sich indirekt auf die Ernährungssituation in den Entwicklungsländern aus.
  • Bevorzugen wir Produkte aus gerechtem und fairem Handel.
    Dadurch bekommen die Produzenten mehr vom Kaufpreis, so dass sie in Würde leben können.
  • Achten wir darauf, nicht die billigsten Nahrungsmittel zu kaufen.
    Auch die Bäuerinnen und Bauern in Deutschland benötigen einen gerechten Lohn, um auf ihr Land und ihre Tiere achtgeben zu können.
  • Reduzieren wir den Konsum tierischer Nahrungsmittel.
    Dadurch wird Ackerfläche frei für die Produktion pflanzlicher Nahrungsmittel.
  • Außerdem können wir mit einer Spende geeignete Projekte unterstützen.
  • Und wenn wir Unrecht sehen, haben wir tatsächlich auch die Möglichkeit – und vielleicht sogar die Pflicht, uns mit diesem Unrecht an Gott zu wenden!

Natürlich kann man immer denken, dass all dies nicht reicht und natürlich werden wir bei all diesem immer wieder hinter dem Nötigen zurückbleiben. Aber wir sollten uns dennoch auf den Weg machen.

Und bei all unserem Scheitern und Bemühen bleibt uns eine elementare Hoffnung. Im Neuen Testament finden wir sie an so vielen Stellen.
So z.B. im 1.Johannesbrief, den wir in der neutestamentlichen Lesung gehört haben:
„Wir betrügen uns selbst, wenn wir behaupten: »Wir haben keine Schuld auf uns geladen!« Dann wirkt die Wahrheit nicht in uns. Wenn wir aber unsere Schuld eingestehen, ist Gott treu und gerecht:
Er vergibt uns die Schuld und reinigt uns von allem Unrecht, das wir begangen haben.“

Gott ist treu!
So lasst auch uns treu sein in unserem Tun, treu den anderen Menschen gegenüber, so will es Gott.

Amen!