Predigt zu Offenbarung 1,9-18

Predigt zu Offenbarung 1,9-18

von Michael Burkhardt
Hoffnungskirche am 21.01.2018

Lesungen: 2. Mose 3, 1-10; Matthäus 17,1-9
Predigttext: Offenbarung 1,9-18

 

Liebe Gemeinde!

Die Berufung des Mose am brennenden Dornbusch ist eine ganz besondere Gottesbegegnung. So etwas erleben auch die Jünger, die mit Jesus auf den Berg gestiegen sind: die Verklärung Jesu, einen Moment voll der Herrlichkeit Gottes, den sie gerne sie festhalten möchten. Auch in dem heutigen Predigttext geht es um eine Erfahrung von Herrlichkeit Gottes. Diese Geschichten haben etwas gemeinsam: Menschen erfahren die Herrlichkeit Gottes, weil Gott es will und weil Gott es schenkt. Die Menschen können das nicht machen oder erreichen. Ja, sie rechnen überhaupt nicht damit. Die Erfahrung der Herrlichkeit Gottes sind geschenkte Augenblicke. Hören wir nun, wie das bei Seher Johannes vor sich geht. (Lesung von Offenbarung 1,9-18)

Liebe Schwestern und Brüder!

Das ist bestimmt schon einigen passiert: die Wohnungstür ist zugeschlagen und der Schlüssel ist drinnen. So ging es meiner Frau und mir vor einiger Zeit als wir Joggen gingen. Da will man ja nicht mehr dabei haben als unbedingt nötig. Natürlich auch Hausschlüssel und Autoschlüssel, zusammen an einem Bund. Die Tür ist zugezogen, die Schuhe sind geschnürt. „Fährst du?“ – „Nein, du hast doch den Schlüssel.“ – „Ich hab ihn nicht.“ – „Ich auch nicht!“ – „Mist. Dumm gelaufen.“ Der Schlüsseldienst kam schnell. Ich staunte, wie schnell die Tür geöffnet ist. Und hundert Euro weg sind.

Auch Johannes, der Seher, hätte gerne einen Schlüssel gehabt. Denn für ihn war die Tür verschlossen. Doch er war nicht draußen. Johannes saß drinnen und konnte nicht raus. Johannes war auf der Insel Patmos. Nicht freiwillig. Die römische Staatsmacht hatte das so beschlossen. „Der ist reif für die Insel!“ Aber nicht zur Erholung. Johannes sollte keine Chance haben das Evangelium zu verkünden. Johannes saß fest. Das sollte die Gemeinden der Christen schwächen. Denn was in den Gemeinden verkündet wurde, passte den Mächtigen gar nicht. Die Christen verkündigten einen gekreuzigten Aufrührer als den Herrn der Welt. Das war eine Verhöhnung des Kaisers, des mächtigsten Mannes der Welt. Und es war eine Verhöhnung der Idee, dass die Mächtigen strahlend und glänzend und stark sein müssen.

Also saß Johannes auf Patmos fest. Man kann dort wunderschön Urlaub machen. Patmos hat sanfte Hügel, auf denen Schafe umherziehen. Die Menschen haben Zeit. Das blaue Meer umspielt die Insel.

Aber Johannes war nicht im Urlaub. Er war verbannt. Johannes war festgesetzt. Auch ein schönes Gefängnis ist ein Gefängnis.

Wie überlebt man eine lange und einsame Gefangenschaft? Seit elf Monaten ist der Journalist Denis Yücel in der Türkei inhaftiert. Es gibt bis heute keine Anklage. Er ist in Isolationshaft. Eine qualvolle Folter. Seine Frau kann er im besten Fall eine Stunde im Monat sprechen. Doch ein Vollzugsbeamter sitzt mit im Raum. Trotzdem scheint Denis Yücel große innere Kraft zu haben. Einen „schmutzigen Deal“, der zu seiner Freilassung führen könnte, lehnt er ab. Er will nicht gegen Panzer oder gute Geschäfte eingetauscht werden.

Außer Denis Yücel sind noch eine Reihe weiterer Journalisten in der Türkei ohne Anklage in Haft. Unglaublich! Wie viele Menschen auf dieser Welt sind unschuldig, unberechtigt und unbegründet in Haft? Ich habe keine Ahnung. Es sind viele, viel zu viele. Sie stehen ein für Gerechtigkeit und Freiheit, für Menschenrechte und für ihren Glauben. Ich kann sie nur bewundern.

Doch wie kann man eine lange, einsame Gefangenschaft überleben? Stefan Zweig zeigt das in seiner „Schachnovelle“ auf faszinierende Weise. Die Erzählung spielt auf einem Passagierschiff, das unterwegs ist von New York nach Buenes Aires. An Bord ist auch der Schachweltmeister Mirko Czentovic. Zum Zeitvertreib fordert der Millionär McConnor den Weltmeister heraus. Natürlich ist der Millionär chancenlos. Bis ein unbekannter Mann auftaucht, mit dessen Hilfe der Weltmeister geschlagen wird. Wie kann das sein? Der Unbekannte erzählt einem Mitreisenden seine Geschichte:

1938 wird Österreich vom nationalsozialistischen Deutschland besetzt. Der Unbekannte wird ins Gefängnis gesteckt, weil sich die Gestapo wertvolle Informationen von ihm erhofft. Es gelingt dem Gefangenen, ein Buch an sich zu bringen. Davon erhofft er sich Ablenkung und Anregung. Doch statt Weltliteratur hat er ein Schachbuch erwischt. Nach der ersten Enttäuschung beginnt der Mann, das Buch zu studieren. Er lernt alle Partien auswendig. Schließlich spielt er die Partien im Kopf gegen sich selbst durch. Was als Mittel gegen die Ausweglosigkeit begann, endet für ihn so beinahe im Wahnsinn. Kein Wunder, wenn er bei jeder Partie gleichzeitig gewinnt und verliert.

Zurück in der Freiheit will der Mann mit dem Schachspiel nichts mehr zu tun haben. Das Schachspiel hatte ihm geholfen, die Gefangenschaft zu überstehen. Aber jetzt wollte er davon nichts mehr wissen. Bis zu jener Partie auf dem Schiff zwischen dem Millionär und dem Weltmeister. Die hat noch ein spannendes Nachspiel, das in der „Schachnovelle“ nachzulesen ist. In ihr geht es auch darum, einsame Gefangenschaft zu überstehen.

Und Johannes auf Patmos? Wie schafft er es, seine Gefangenschaft zu überstehen? Er selbst kann gar nichts tun. Aber es geschieht ihm etwas Unglaubliches. An einem schönen Sonntag hat Johannes eine Vision. Er hörte eine Stimme und sieht eine glänzende, mächtige, beeindruckende Gestalt. Das macht Johannes solche Angst, dass er wie tot zu Boden fällt.

Doch diese Gestalt ist nicht der Kaiser oder einer seiner Vasallen. Diese Gestalt ist wie die des Menschensohn. Das weiße Gewand ist nicht gegürtet wie bei den Göttern Roms, sondern wie bei den Priestern Israels im Tempel. Das schneeweiße Haar leuchtet hell und rein; denn der es trägt, ist unschuldig und reines Herzens. Das Schwert hält er nicht in der Hand, um zu kämpfen oder zu vernichten. Das Schwert kommt aus seinem Mund, denn er wirkt durch das Wort; ja er ist das menschgewordene Wort Gottes.

Und er hat eine Stimme wie Wasserrauschen. Das erinnert an die Schau der Herrlichkeit Gottes durch Hesekiel. Dieser Prophet sieht den himmlischen Thronsaal, vor dem Thron Gottes mächtige Gestalten. Beim gehen rauschen ihre Flügel wie große Wasser. Und ihre Füße glänzen und blinken wie Kupfer. Bei der Gestalt, die Johannes sieht, wird das noch weit übertroffen. Denn die Füße des Menschensohngleichen sind wie Golderz. Und sein Angesicht leuchtet so hell wie die Sonne!

Wow! Super! Stark! Irre! Kein Ausdruck kann das Staunen ausdrücken über das, was Johannes sieht. Es ist so überwältigend, dass Johannes vor Angst und Schrecken im Boden versinken will.

Aber dann hört Johannes das Wort, das erlösende und befreiende, das wohltuende Wort: Fürchte dich nicht! Hab keine Angst! So wie es Gott immer wieder gesagt hat, zu Jakob, als er sich fürchtete, nach Ägypten zu ziehen. Oder zu David, als Saul ihm nachstellte und dicht auf den Fersen war. Oder zum Volk Israel im Exil: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein! Oder zu Maria, als sie beim Erscheinen des Engels sehr erschrocken war. Oder zu Paulus auf der gefährlichen Seereise nach Rom. Paulus erlebt einen Schiffbruch – und überlebt. Aber er weiß: er und alle Menschen auf dem Schiff werden überleben. Gott hatte ihm gesagt: Fürchte dicht nicht. Doch auf demselben Meer riskieren Tag für Tag Menschen auf der Flucht ihr Leben; viele verlieren es, kommen nicht am Ziel an, werden nicht gerettet.

Wussten sie um Gottes „Fürchte dich nicht!“ Johannes hört es ganz persönlich: Fürchte dich nicht. Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, aber sieh doch: Ich lebe für immer und ewig. Und ich habe die Schlüssel, um das Tor des Todes und des Totenreichs aufzuschließen.

Der Schlüssel zum Leben. Jesus hat den Schlüssel zum Leben. Jesus ist der Schlüssel zum Leben. Der, den die Welt loshaben wollte, lässt die Welt nicht los. Der, den die Welt ans Kreuz brachte, erlöst von allem Kreuz und Leid. Der selbst den Tod erlitt, schenkt uns das Leben, Leben hier und jetzt und heute. Leben in Ewigkeit.

Der Schlüssel zum Leben, wir haben ihn. Den Schlüssel, um unsere einsame Insel zu verlassen. Jesus ist der Schlüssel, um aus den Zellen auszubrechen, in die wir gesteckt wurden, oder die wir selbst um uns gemauert haben. Es sind vielleicht keine Mauern aus Beton und Stein, die uns gefangen halten. Es sind oft Gedankengebäude. Ängste, die uns lähmen. Angst, zu versagen. Angst, nicht zu genügen, nicht den eigenen Ansprüchen und auch nicht denen der Anderen.

Es ist Stolz, der uns gefangen hält, der uns verbietet, sich mit diesem oder dieser einzulassen, mit denen, die unter unserer Würde sind, die uns verletzt haben, mit denen ich nichts mehr zu tun haben möchte. Wie verblendet sind wir manchmal! Dieser falsche Stolz macht einsam, schließt uns ein in einem unnahbaren Schloss, das niemand außer uns betreten will.

Stolz kann uns gefangen halten und isoliert halten. Wenn wir uns über Andere erheben. Wenn wir uns als etwas Besseres sehen. Von diesem Stolz können wir uns getrost verabschieden. Aber es gibt auch einen berechtigten Stolz. Was wir gut gemacht haben, was uns gelungen ist, darauf können wir stolz sein. Deshalb dürfen wir uns auch einmal ein Lob gefallen lassen. Nicht damit wir uns über Andere erheben. Sondern weil es Gott gefällt, wenn wir etwas aus den Gaben machen, die er uns geschenkt hat.

Auch Mutlosigkeit und Ausweglosigkeit kann uns gefangen halten. Aber wir haben einen Schlüssel, um wieder zum Leben zu gelangen. Es ist die Zusage Gottes, sein „Fürchte dich nicht“. Es ist die Liebe Jesu Christi, der uns gegenübertritt als der „Menschensohngleiche“. Als Mensch hat Jesus Freude und Leid erfahren, kennt Müdigkeit, Traurigkeit, Einsamkeit, Leiden und Schmerz. Als der Auferstandene schenkt er uns neue Kraft, Freude, Freundlichkeit, Geduld und Widerstandskraft.

Jesus hat den Schlüssel zum Leben in der Hand. Jesus ist selbst der Schlüssel zum Leben. Wir können unsere einsame Insel, unser selbstgewähltes Gefängnis verlassen. Auf die Rolle, in die wir von Anderen gesteckt wurden, sind wir nicht für immer fixiert. Jesus steht zu uns, der Erste und der Letzte und der Lebendige.

Johannes wird aufgefordert, aufzuschreiben was er gesagt hat. Was er gesehen und gehört hat, soll nicht nur ihn selbst, sondern auch Andere wieder zum Leben bringen. Das können auch wir. Indem wir bei Amnesty International eine Petition unterzeichnen, damit Gefangene frei kommen. Indem wir uns bei open doors über das Schicksal verfolgter Christen informieren, für sie beten und für sie einsetzen. Indem wir fair einkaufen und dazu helfen, dass Menschen gerecht bezahlt werden, würdig leben können, sich aus dem Gefängnis der Armut und Benachteiligung befreien können. Indem wir zu denen gehen, die sich nicht selbst aus Angst, Mutlosigkeit und Resignation befreien können, ihnen ein Wort, eine Umarmung, unsere Freundlichkeit und unsere Zeit schenken.

Zugegeben: die Vision des Johannes ist auf den ersten Blick erschreckend, irritierend, schwer verständlich. Aber sie enthält eine wunderbare Botschaft für uns. Jesus sagt: Fürchte dich nicht. Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Jesus ist unter uns und damit Herrlichkeit und Glanz Gottes. Welch eine Verheißung! Amen.