Punkt, Punkt, Komma, Strich

Predigt zu 1. Mo 1,27a

Von Pastor Markus Bauder
Hoffnungskirche 29.11.2020 (Einsegnung)

Lieber Brandon, lieber Aljoscha, liebe Eltern und Verwandte, liebe Gemeinde, hier oder an einem anderen Ort (in die Kamera schauen)

Wie geht der Spruch weiter: „Punkt, Punkt, Komma, Strich …“?

(F01) Stimmt: Punkt, Punkt, Komma, Strich, fertig ist das Mondgesicht

Denkt man zumindest… Dabei ist das ja nur der Anfang. Es gibt unzählige Variationen wie es weitergeht:

(F02) Punkt, Punkt, Komma, Strich, fertig ist das Mondgesicht. Und zwei Ohren, eine Zunge: fertig ist der freche Junge.

(F03) Punkt, Punkt, Komma, Strich, fertig ist das Mondgesicht Und noch zwei kleine Ohren daran, und noch einen Bauch daran. Arme, Beine auch noch dran. Fertig ist der Hampelmann!

(F04) Punkt, Punkt, Komma, Strich, fertig ist das Mondgesicht. Und daran noch Ohren, wird ein Mensch geboren. Hals wie eine Flasche, Bauch wie eine Tasche, Beine wie zwei Sechsen, Arme wie ein Besen, Hut wie eine Butter, fertig ist die Mutter.

(F05) Punkti, Punkti, Komma, Strichi. Fertig ist der kleine Michi. Mit zwei großen Ohren wurde er geboren. Und zwei lange Haxen sind ihm dann gewachsen.

(F06) Punkt, Punkt, Komma, Strich, fertig ist das Mondgesicht. Ohrenläppchen, Ohrenläppchen und ein kleines Zipfelkäppchen. Oben rund, unten rund und der „Peter“ ist gesund.

(F07) Punkt, Punkt, Komma, Strich, malen will ich ein Gesicht, kreis` es ein, und obendran bring´ ich noch zwei Ohren an. Irgendetwas fehlt da noch: Schnurrbarthaare – wusst´ ich´s doch. Ritze, ritze, ratze, fertig ist die Miezekatze.

(F08) Punkt, Punkt, Komma, Strich, fertig ist das Mondgesicht. Langer Käse, runde Butter, fertig ist die Schwiegermutter! Arme wie ne Acht, ist das nicht ne Pracht? Füße wie ne Sechs, ist das nicht ne Hex? Haare wie ein Stachelschwein. Das ist des Königs Töchterlein!

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(Bild weg) Am Anfang waren wir mal alle gleich. Aber das wars dann auch…

Wahrscheinlich stimmt noch nicht mal das, dass wir am Anfang alle gleich waren, aber zumindest hoffen wir das und wünschen es uns, dass möglichst alle dieselben Chancen im Leben haben. Chancengleichheit. Ein gleicher oder ähnlicher Start für alle…

Aber Ihr wisst es, wir alle wissen es: spätestens, wenn wir auf der Welt sind, entwickelt sich jede und jeder von uns auf ganz unterschiedliche Weise weiter. Je nachdem, welche Gene wir mit auf den Weg bekommen haben oder in welcher Umgebung wir leben und aufwachsen. Oder was uns unsere Eltern mit auf den Weg geben, unsere Umwelt, die Schule, usw. usw.

Und so wird aus Punkt, Punkt, Komma, Strich durch kleine, manchmal wie zufällig erscheinende Striche oder Wendungen dann eben des Königs Töchterlein oder der Hampelmann oder eine Katze.

Je nachdem, wie der Text lautet…

Dieser Text, an dem – wie gesagt – manche mitschreiben.

Ihr seid jetzt in einem Alter, wo Ihr Euch zunehmend fragt, ob das so sein muss? Dauernd bestimmen andere den Text eures Lebens. Hauptsächlich natürlich die Eltern. Die entwickeln manchmal einen beeindruckenden Ehrgeiz für das Leben ihrer Kinder. Was der Junge oder das Mädchen nicht alles lernen und können soll? Und das möglichst bald und möglichst gut.

Manchmal ist es ja so, dass man lauter Sachen kann, die wollte man vielleicht gar nicht lernen: Klavier spielen oder Englisch. Und Sachen, die man gerne können würde, kann man nicht: Schlagzeug spielen oder tanzen…

In meinem Fall E-Gitarre spielen… E-Gitarre, das stand nicht auf meinem Text. Ich bin ziemlich fromm aufgewachsen, E-Gitarre galt damals als unchristlich… Also hab ich halt Klavier gelernt. Und Oboe…

Der Text über meinem Leben. Was ich werde und bin. Was ich sein will. Welchen Einfluss hat man da drauf?

Dazu ein paar Gedanken für euch beide und allen, die zuhören.

(Bild01) 1. „Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde. Zum Bilde Gottes schuf er ihn“. Das ist für mich so etwas wie der Grundtext über jedem Leben. Darin ist für mich bereits Unglaubliches angelegt: Du und du, ihr seid Ebenbilder Gottes. Der Schöpfer des Lebens hat in den Spiegel geschaut und Euch gemacht. Dich und dich und dich. Damit ist in uns eine göttliche Würde angelegt. Und eine große Freiheit. Zumindest eine größere als wir oft meinen. Denn wir dürfen uns klarmachen, dass es Gott ist, auf den wir letztlich bezogen sind. Und eben nicht die Wünsche der Schule, der Eltern oder der Verwandtschaft.

Und dieser Gott sagt, dass er dich liebt und alles dafür getan hat und tut, dass dein Leben ein gutes wird.

Der Text dafür ist erstmal so angelegt. Du bist geschaffen. Und zwar gut. Und du bist geliebt. Von deinem Schöpfer.

Falls euch das zu sehr in den Kopf steigt: Dasselbe gilt übrigens auch für die Person, die neben euch sitzt…

Wenn ich, von diesem Gedanken herkommend, nach dem Text für mein Leben frage, könnte ich durchaus auf die Idee kommen, nach diesem Gott zu fragen. Was war eigentlich seine Idee? Hat er eine? Was hat er gedacht als er mich gemacht hat? Gibt es einen besonderen Sinn, eine besondere Berufung oder Aufgabe für mich?

Ein Beispiel: Da kommt jemand zu einem auf Besuch und sieht in der Wohnung einen Kasten stehen. Dieser Kasten wird offensichtlich als Stellplatz für Pflanzen und Töpfe aller Art verwendet. Er hat die richtige Höhe, dass der Hausherr gut an seine Lieblingspflanzen herankommt.

„Da haben sie aber einen schönen Flügel stehen. Nur schade, dass da so viele Pflanzen draufstehen. Wird er nicht gespielt?“

„Was habe ich da? Was soll das überhaupt sein, ein Flügel?“ Und dann setzt sich der Besucher hin, macht den schwarzen Kasten auf und entlockt ihm wunderschöne Klänge und Musik. …

Was hat sich also der Schöpfer gedacht, als er dich geschaffen hat? Das herauszufinden ist wichtig. Was ist dein Platz im Leben? Was gibt dir einen Sinn? Was ist deine Berufung? Du wachst morgens auf und denkst: ich bin dort, wo ich immer hinwollte….

„Gott, hilf mir, das herauszufinden.“

(Bild02) 2. Darf ich eigentlich bei der ganzen Geschichte mitreden? Und wie geht das, am eigenen Lebenstext mitschreiben?

Brandon, Aljoscha, ihr anderen – wie oder wodurch schreibt man seinen eigenen Beitrag zur eigenen Lebensgeschichte. Zum eigenen Punkt, Punkt, Komma, Strich, fertig ist das Angesicht?

Der eigene Beitrag heißt „entscheiden“. Wer die eigene Lebensgeschichte mitschreiben möchte, muss lernen, sich immer wieder zu entscheiden.

Entscheiden heißt, Verantwortung zu übernehmen. Für sich selbst. Und, noch wichtiger, für die Folgen der Entscheidung. Ob es sich dabei um die neueste Playstation handelt, dieses oder jenes Hemd, ob ihr ein Auto kauft oder U-Bahn fahrt. Ob ihr Musik studiert oder Installateur werdet. Ob ihr heiratet oder nicht. Ob ihr in Stuttgart lebt oder Toronto. Oder, oder, oder.

Gute Entscheidungen treffen können, ist das A und O wenn es darum geht, den Sinn des eigenen Lebens zu entdecken und zu leben.

Verantwortung übernehmen. Für sich, für das, was man entscheidet und für die Folgen, die die eigenen Entscheidungen haben.

Mit dem sich viele Menschen übrigens schwertun. Mit dem Entscheiden. Weil daran tatsächlich die Verantwortung hängt. Die Verantwortung für das eigene Leben und die Folgen, die Entscheidungen haben.

Man trifft lieber keine Entscheidung, überlasst das anderen und kann dann darüber schimpfen. Allerdings lebt man dann nicht selbst, sondern wird gelebt. Sagt man. Dann entscheiden andere über mich.

Nicht immer kann man selbst entscheiden. Weil man noch zu jung ist, oder aus anderen Gründen nicht in der Lage, die Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen.

Aber im Grunde soll man lernen, diese Verantwortung spätestens mit 18 zu übernehmen.

Deshalb, wenn ihrs noch nicht gelernt habt – lernt entscheiden. Der Fokus liegt dabei nicht auf rechts oder links, sondern auf den Folgen, die rechts oder links haben. Darum geht es.

Corona – Maske tragen oder nicht, Gruppengrößen einhalten oder nicht – welche Folgen hat das für mich und für andere?

Mit dem Flugzeug in den Urlaub fliegen – welche Folgen hat das und will ich diese Folgen tragen?

Die Haare färben, sich Ohrlöcher stechen lassen, in den Gottesdienst gehen oder nicht? Was sind die Folgen meines Wollens, meiner möglichen Entscheidungen? ———

Wie komme ich nun dazu, mich möglichst gut zu entscheiden und der Verantwortung gerecht zu werden, die das bedeutet?

(Bild03) Das ist mein dritter und letzter Punkt. Er hat 3 kurze Unterpunkte:

1. Es schreiben ja viele Menschen an eurem Lebenstext mit: eure Eltern, Geschwister, Freunde, die Schule, einzelne Vorbilder, die Gruppen, in denen ihr zuhause seid. Hört zu. Schaut gut hin. Viele Menschen haben mehr Lebenserfahrung als ihr. Sind älter. Schaut ihr Leben an. Ihre Fehler. Davon kann man eine Menge profitieren. Viele meinen es wirklich auch gut mit euch.

Zu guten Entscheidungen kommt man, wenn man anderen Menschen in seinem Leben gut zuhört und von ihnen lernt. Das, was sie gut gemacht haben? Das, was sie falsch gemacht haben? Worin sind sie Vorbilder? Und worin nicht?

Auch von Menschen und Geschichten, die nicht direkt zu unserem Leben gehören, weil sie weiter weg sind und wir sie indirekt erleben: durch Bücher, Filme. Durch die Geschichten, die sie erzählen.

Es gibt sehr viel, was wir von anderen lernen können.

2. Selber ausprobieren, Versuch und Irrtum. Fehler machen erlaubt.

Meine drei Geschwister und ich haben alle ein Musikinstrument erlernt. Tausende von Euro hat das gekostet. Ich habe Musik studiert, bin dann aber Pastor geworden, meine Schwester hat als Grundschullehrerin Musik unterrichtet, ist aber heute Rektorin. Mein Bruder hat die Trompete nach Jahren in die Ecke gestellt und nie wieder angefasst. Meine jüngste Schwester ist Textiltechnikerin geworden und spielt schon lange kein Instrument mehr.

Ich hab übrigens vor 5 Jahren E-Gitarren-Unterricht genommen. 2 Jahre lang. Macht Spaß. Aber meine Hochachtung vor allen, die das spielen können ist enorm gestiegen…

Ich will damit sagen: Geht euren Weg. Traut euch. Malt und zeichnet selbst an eurem Angesicht. Probiert es aus.

Möchtet Ihr in unserem neuen Video- und Kamerateam mitmachen? Vielleicht wollt ihr es ja mal probieren. Und wenn ihr feststellt, dass das nix ist – auch ok.

Es ist überhaupt nicht schlimm, einen Weg zu gehen und dann zu entdecken, dass man in Zukunft gerne einen anderen gehen möchte. Christen sind darin sogar besonders gut. Sie nennen es Umkehr. Gemeint ist die Einsicht, dass man einen neuen Weg gehen möchte. Weil, und das ist mein allerletzter Gedanke …

3. … wie war das nochmal mit Gott? Er sagt: Punkt, Punkt, Komma, Strich, fertig ist dein Angesicht….

Echt super geworden. Der Aljoscha. Der Brandon.

Die Tabea. Der Jan. Die Elsa.

Und wie ihr alle heißt. Lavinia, Lilly, Ingo, Wolfgang, Reiner, Elisabeth, Kathi, Ulrike, Jens, Andreas, Ingeborg, Gudrun, Claudia, Angelika, Hanna, Anis, ich kann euch gar nicht alle aufzählen.

Echt super geworden.

Sagt Gott. Ich liebe sie von ganzem Herzen. Und bin echt sowas von gespannt, wie sie das hinkriegen mit ihrem Leben. Und ob sie die Idee entdecken, die ich in sie hineingelegt habe…

Ich hab irgendwann kapiert, dass Gott mich als Pastor haben will. Das wollten meine Eltern partout nicht. Da verdient man zu wenig. Ich solle „mehr aus mir machen“. Ich war gerade mitten im Musikstudium, da musste ich ihnen sagen „Tut mir leid“, ich will was anderes als ihr und ich glaube auch, dass Gott das will. Da kann man dann schlecht was dagegen sagen ;-)

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Es ist zwar nicht immer einfach, aber ich habe es noch nie bereut, in der Frage meines Lebenstextes auf Gott gehört zu haben.

Leute, ich wünsche es euch von ganzem Herzen, dass ihr das auch so erlebt. Dass ihr eines morgens aufwacht, euer Leben anschaut und sagt: es ist gut so wie es ist.

Gott segne euch und setze euch zum Segen. Amen

(Bild weg)