Sprung

(von Anja Kieser)

Ich habe Höhenangst. Was mich aber nicht davon abhält, immer mal wieder einen Sprung zu wagen. Zum Beispiel vom Dreimeterbrett im Schwimmbad. Dabei muss ich an Uli denken. Den aus dem Buch „Das fliegende Klassenzimmer“ von Erich Kästner. Stets der Kleinste, keiner traut ihm was zu, nimmt ihn für voll. Bis er springt. Das war natürlich total blöd, weil unten eben keine Matte oder Wasser war. Es ging aber noch gut aus. Nur ein gebrochenes Bein. Ein Mitschüler von Uli philosophiert: „Wenn Uli nicht das Bein gebrochen hätte, wäre er noch viel kränker geworden.“ Ja, vielleicht war der Sprung ein Befreiungsakt. Ein heilsamer Sprung. Vielleicht braucht man so einen Sprung manchmal. Nicht auf den harten Beton. Aber vielleicht in den neuen Job hinein. Oder eine neue Idee in die Tat umzusetzen. Den Bruder anzurufen, mit dem man schon Jahrzehnte nicht mehr gesprochen hat. Um Verzeihung zu bitten. Um jemanden zu entschuldigen. In der Bibel heißt es: „Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen.“ Das soll mir Mut machen, den Sprung auch zu wagen, wenn er dran ist. Damit ich frei werde.