Vom Umgang mit Menschen, die mich nerven

Predigt zu Jeremia 29,1.4-7.10

Von Pastor Markus Bauder
Hoffnungskirche am 01.11.2020
Leinfelden-Echterdingen 08.11.2020
Friedenskirche 15.11.2020

Dies sind die Worte des Briefes, den der Prophet Jeremia von Jerusalem sandte an den Rest der Ältesten, die weggeführt waren, an die Priester und Propheten und an das ganze Volk, das Nebukadnezar von Jerusalem nach Babel weggeführt hatte

So spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels, zu den Weggeführten, die ich von Jerusalem nach Babel habe wegführen lassen: Baut Häuser und wohnt darin; pflanzt Gärten und esst ihre Früchte; nehmt euch Frauen und zeugt Söhne und Töchter.

Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum HERRN; denn wenn’s ihr wohlgeht, so geht’s auch euch wohl.

Wenn für Babel siebzig Jahre voll sind, so will ich euch heimsuchen und will mein gnädiges Wort an euch erfüllen, dass ich euch wieder an diesen Ort bringe.

Jeremia 29,1.4-7.10-14a

Musik

Vom Umgang mit Menschen, die mich nerven. Ich habe ein Weilchen gebraucht, bis ich diese Überschrift formuliert habe. Wie sollen wir mit Menschen umgehen, die uns nerven? Ich habe bewusst nicht Feinde gesagt, weil dann die meisten frommen Leute denken: Feinde? Hab ich nicht.
Ich habe das Wort „nerven“ gewählt. Menschen, die bei uns einen Nerv treffen. Eine wunde Stelle. Irgendetwas, das dann unseren Puls beschleunigt und unseren Ärger oder Zorn aufweckt. Moderndeutsch würde man von einem Trigger sprechen. Das kann sogar der Ehepartner oder die Kinder sein. Oder die Eltern. Zumindest in manchen Situationen. Sie schaffen es, uns in Sekunden auf 180 zu bringen.
Aber ich meine natürlich nicht nur solche psychologischen Dinge. Es gibt auch Situationen, die meinen Nerv treffen, wo alle sagen würden: völlig ok, dass das dich nervt: Ungerechtigkeiten aller Art z.B. oder Gewalt, der ich ausgesetzt war. Menschen, die partout nicht aufhören wollen mit streiten, die mich bekämpfen und mir Übles wollen. Mich verletzt haben. Die mich betrogen haben. Ich fühle mich, zurecht oder Unrecht als Opfer.
Menschen, die mich nerven.
Kennst Du so jemand? Kennst du solche Situationen? In der Familie? In der Nachbarschaft? Am Arbeitsplatz? In der Gemeinde?
Mal kurz nachdenken… Lange Liste? Kurze Liste? Wer bekommt einen prominenten Platz, wer weiter hinten?
Vermutlich bleibt bei keinem von uns das Blatt leer.
Also, wenn diese Liste bei dir nicht leer ist, dann ist der heutige Predigttext etwas für dich. Dieser Text, wo es auf den ersten Blick weder um mich oder dich geht und auch nicht um Menschen geht, die uns nerven.
Jeremia schreibt an das Volk Israel in der Stadt Babylon. An Menschen, die nach einem Krieg in die feindliche Siegerstadt zwangsumgesiedelt wurden. Die man gezwungen hat, ihre Heimat aufzugeben und an einem fremden Ort niederzulassen. An diejenigen, die allen Grund hatten, die Babylonier und die Stadt abzulehnen und zu hassen. Psalm 137 gibt etwas von der Stimmung wieder, die bei denen in Babylon damals geherrscht hat: „Tochter Babel, du Verwüsterin, wohl dem, der dir vergilt, was du uns angetan hast! Wohl dem, der deine jungen Kinder nimmt und sie am Felsen zerschmettert“ (Psalm 137,9). Da wird nichts beschönigt. So drücken sich Menschen aus, denen man Gewalt angetan hat. Die sind nicht nett und dankbar. Die werden nicht immer depressiv. Die werden auch wütend … und unsachlich … und ungerecht … und sind voller schlechter Gedanken und Wut…
So ist das, wenn wir Menschen dem Bösen und Schlechten in dieser Welt begegnen. – Oder wenn wir genervt sind.
Und diesen Menschen schreibt Jeremia einen Brief von Gott. Zusammengefasst will Gott: siedelt euch dort an und integriert euch. Baut Häuser, pflanzt Gärten, heiratet. Suchet der Stadt Bestes und betet für alle, die dort wohnen. Wenn es allen gut geht, geht es auch euch gut und das ist mir wichtig.
Betet für diejenigen, die eure Gegner waren. Die Euch besiegt haben. Die euch Gewalt angetan haben. Die ihr hasst. Auf uns bezogen vielleicht: Die euch nerven. Die dich nerven. Mit denen du streitest, die du nicht leiden kannst. Vermutlich sogar aus gutem Grund. Denn nur so kann der Teufelskreis der Aggression oder Depression durchbrochen werden. Einen Teufelskreis, aus dem man nicht herauskommt, wenn man nicht den Weg der Vergebung und Akzeptanz wählt. Wenn man nicht den Weg der Verständigung und Versöhnung wählt.
Das, was Gott hier von seinen Wutbürgern will, ist steil: richtet nicht eure Wut oder euren Ärger auf die anderen, sondern eure Gebete. Betet für die, die euch nerven. Und sucht ihr Bestes. Und lebt nicht in der Abgrenzung, sondern in der Hinwendung und Integration. Wehrt euch nicht gegen die anderen oder die Situation, sondern akzeptiert sie und handelt darin so gut wie möglich.
Das ist eine wichtige Botschaft für alle, die Menschen oder Situationen auf ihrer Liste haben, die nerven. Auch und im Besonderen, wenn der Ärger oder die Wut gute Gründe hat. Bete dafür und überlege, wie du dieser Situation etwas Positives abgewinnen kannst und – lebe damit so gut es irgend geht.
Es hat mal jemand gesagt: es steckt nicht halb so viel Leid im Leid wie im Sich wehren gegen das Leid. (Wiederholen)
Ärger kostet sehr viel Kraft. Hass braucht ganz viel Lebensenergie. Und das fällt auf einen zurück. Hass vernichtet Leben. Auch das eigene. Deshalb sollen die Israeliten dem Bösen das Gute entgegensetzen. Sollen wir dem, was uns nervt, das Gute entgegensetzen.
Was oder wer war es nochmal, der dich nervt? Bete für ihn und integriere die Situation in dein Leben. So gut es irgend geht.
Manchmal treffen wir Menschen, denen das gelingt. Die glücklich und zufrieden sind, obwohl ihnen großes Unrecht geschehen ist, sie betrogen wurden und das Leben von seiner hässlichen Seite kennengelernt haben.
Wir fragen uns, wie das gelingen kann?
Das, was Jeremia geschrieben hat, bringt uns auf die richtige Spur. Auch nach ganz modernen Erkenntnissen aus der Psychologie oder der Resilienzforschung. Also der Frage wie Menschen mit Schicksalsschlägen und Unrecht klarkommen.
Wobei ich ausdrücklich dazusagen möchte, dass es einen riesengroßen Unterschied macht, wer hier was zu wem sagt. Es ist Gott, der diese Worte zu den Unterlegenen, zu den Schwachen sagt. Die Babylonier dürften niemals so reden und den Babyloniern sagt Gott auch was ganz anderes. Wer verantwortlich ist für das Leid anderer oder Ursache einer Katastrophe ist, darf niemals zu seinen Opfern sagen: damit müsst ihr jetzt halt leben.
Und es ist auch wichtig, dass es hier nicht um die Schuldfrage geht. Sondern um die Frage, was in einer solchen Situation dem hilft, der Leid und Ungerechtigkeit erlitten hat. Und Gott sagt – du musst nicht erst alles auf Heller und Pfennig zurückbezahlt bekommen, damit du leben kannst, du kannst es jetzt schon. Es muss nicht erst das erlittene Unrecht aus der Welt geschafft werden, damit du weiterleben kannst, du kannst es jetzt schon. Die Uhr muss nicht zurückgedreht werde, es geht weiter.
Was könnte das in unseren Nerv-Situationen konkret heißen?
Im Beruf? Wenn der Chef oder die Kollegen/Kolleginnen nerven. Was wäre das Beste für alle Beteiligten und wofür könnte ich konkret beten?
Oder wenn es die eigenen Kinder / Eltern / Ehepartner sind? Was wäre denn mein Beitrag für das Beste in dieser Situation und wofür könnte ich beten?
Corona – für den einen oder anderen gerade ein massiver Nervpunkt. Kontaktsperren. Maske tragen. Existenzsorgen. Einsamkeit. Wie soll man damit umgehen? Wie machen wir weiter als Kirche? Als Gemeinde? Das nervt. Mich zum Beispiel. Was ist das Beste in dieser Situation. Wofür könnte ich, wofür könnten wir uns einsetzen und auch beten?
Mit großem Interesse lese ich gerade das neue Buch von Matthias Horx „Die Welt nach Corona“. Um herauszufinden, was nach Corona sein wird, arbeitet er mit einer Technik, die er Regnose nennt. Übersetzen kann man das Wort vielleicht mit „Zurückschau und Erkenntnis“. Wir stellen uns vor, dass wir in der Zukunft sind. Z.B. im Mai 2021. Und dann von dort aus zurückblicken. Was sehen wir? Für uns persönlich? Was denken wir, dass dann passiert sein wird. Und er setzt darauf, dass uns in unseren persönlichen Zurückschauen nicht nur negative Dinge auffallen, sondern auch ganz viel Positives. Weil wir als Menschen Kraft und Energie haben. Und die Dinge selbstverständlich auch gestalten werden. Und das wird sicher auch passieren. Und es wird vielleicht gar nicht so schlimm sein, dass keine Kreuzfahrtschiffe mehr in Venedig anlanden oder nicht mehr so viele Flugzeuge fliegen. Und wir nicht mehr so viel konsumieren und mehr Spaziergänge und Wanderungen machen. Und wir uns nicht mehr so häufig die Hand schütteln und in der U-Bahn selbstverständlich eine Maske aufhaben. Die zu unseren Klamotten passt. Oder witzig ist.
Suchet der Stadt Bestes, und betet für sie. Baut Häuser! Pflanzt Gärten! Heiratet und kriegt Kinder. Oder tut beides nicht und lebt trotzdem so gut wie möglich. So positiv wie möglich. Auch in und nach Corona.
Oder mit den Kandidaten auf Eurer Nervliste.
Niemand sagt übrigens, dass das einfach ist.
Und – es stimmt leider auch nicht, dass es, wenn man es richtig macht, immer ein Happy End gibt. Zumindest kein Happy End, das den ursprünglichen Zustand wiederherstellt. Den gibt es nicht mehr. Die Zeit wird nicht zurückgedreht.
Natürlich sind die Israeliten irgendwann wieder nach Hause zurückgekehrt. Aber es hat 70 Jahr gedauert. Als dann die Wende kam, waren die Israeliten so sehr in Babylon zuhause, dass viel mehr dort geblieben sind, als nach Israel zurückgekehrt sind. Seit damals leben mehr Juden außerhalb Israels als dort.
Es geht also bei all dem nicht darum, einen ursprünglichen Zustand wiederherzustellen oder die Zeit zurückzudrehen, sondern das, was uns nervt und was uns feind ist, in das eigene Leben zu integrieren und damit gut weiterzuleben.
Indem wir uns die Gedanken Jeremias zu eigen machen, wandeln sich Ärger, Wut oder Enttäuschung über Menschen, Schicksale oder Situationen zu einem etwas besseren Leben. Weil wir merken, dass es zwar nicht immer gleich Wunder gibt, aber sich manches nach und nach dann doch auch wieder wandeln und weiterentwickeln kann. Und wir davon etwas zu sehen bekommen.
Wie also sollen wir mit dem umgehen, was uns nervt? Wir sollen dem Hass und Ärger nicht nachgeben, sondern für die Situation oder den Menschen das Beste suchen und für ihn beten. Dann wird sich unser Leben verwandeln. Ein solcher Weg ist ein gesegneter Weg.
Dies ist auch der Weg, den Jesus gegangen ist. Darin werden wir uns als seine Nachfolgerinnen und Nachfolger erweisen. Darin liegt Segen für unser Leben und Segen für diese Welt.
Amen
Stille – Kurzes Gebet
Lied: Meine engen Grenzen (328,1-3)