Von Pontius zu Pilatus

Predigt Pastorin Katharina Sautter, 7.3.21 Hoffnungskirche

Leben mit Passion (Gottesdienst 2)
Pilatus und Herodes – Ahnungslos und doch verantwortlich“
Lukas 23,1ff
Pastorin Katharina Sautter (Es gilt das gesprochene Wort)

„Von Pontius zu Pilatus“
Liebe Gemeinde,
Kennen sie das? Angeblich ist keiner für diese Sache zuständig. Man wird von „Pontius zu Pilatus“ geschickt, sagt man manchmal in solchen Situationen. Wussten sie, dass diese Redewendung auf die Passionsgeschichte zurück geht? Wer ist zuständig? Wer übernimmt die Verantwortung? Wer sagt „Ja“ und wer spricht ein klares „Nein?“ – Gute Frage!

Liebe Gemeinde,
Mitten in der Passionsgeschichte stehen sich plötzlich zwei mächtige Männer gegenüber, die um ein klares „Ja“ gebeten werden: der eine ist der jüdische Herrscher Herodes der
andere Pontius Pilatus – Statthalter der römischen Besatzungsmacht. Beide Männer haben tatsächlich existiert – dafür gibt es historische Belege.

Beide wurden gegen ihren Willen in das Passionsgeschehen hineingezogen. Der eine – Pontius Pilatus – war notwendig, weil die Juden keine Todesurteile vollstrecken durften – in diesem Fall durfte das nur Pontius Pilatus, weil er der Verantwortliche römische Beamte war. Und genau deshalb soll er Jesus nun verurteilen, denn Jesus habe angegeben
König der Juden zu sein das ist nach römischen Recht Hochverrat.
Pilatus fragt direkt beim Angeklagten nach – wir haben es gerade gehört – und es wird schnell deutlich: Der Römer Pilatus möchte sich nicht mit einem Todesurteil in Dienst der
jüdischen Hohepriester die Hände schmutzig machen.

Also zieht er einen anderen mit hinein in die Geschichte: Er schickt den Angeklagten weiter zu Herodes der als jüdische Herrscher von Galiläa juristisch an erster Stelle zuständig ist für den Galiläer Jesus.. Offenbar wollte Pilatus gern die Entscheidung über Jesus vermeiden und hoffte, dass Herodes sie ihm zumindest leichter machen würde. Denn schließlich ist Herodes bekannt dafür im Umgang mit Gegnern nicht zimperlich zu sein.

Herodes Antipas war neugierig auf Jesus, von dem er schon viel gehört hatte, berichtet Lukas als einziger Evangelist. Er wollte die Wunder selbst sehen- doch vollführt Jesus keine Wunder, sondern verweist nur auf eine andere Welt – das ist langweilig für Herodes. Der Herrscher verspottet den Angeklagten und schickt ihn zurück zu Pontius Pilatus. Damit schließt sich der Kreis.

Liebe Gemeinde, als der oberste Richter in Judäa hätte Pilatus Jesus eigentlich ohne weiteres freisprechen können. Aber er scheute sich offenbar. Er wollte Jesus nicht gerne
verurteilen, aber er wollte auch seine weitere Karriere nicht gefährden. Pilatus verhängt die schreckliche Strafe und wäscht sich gleich danach in einem symbolischen Akt die
Hände. Ja, Pilatus schiebt die Verantwortung für sein Tun anderen zu.

Liebe Gemeinde,
zwei mächtige Männer stehen sich da gegenüber – Kann ich vielleicht sogar von den düsteren Gestalten Pilatus und Herodes etwas lernen?

  1. Gott durch und in der Geschichte Neu fasziniert hat mich der Gedanke, wie Gott in dieser Geschichte durch die beiden Männer wirkt. Ja, es ist bis zum heutigen Tag so, dass Gott „in der Geschichte handelt“, also mit den heute lebenden Personen, Situationen, Ereignissen und nicht ohne sie. Wenn wir handeln, handelt Gott mit. Wir
    sind Teil von Gottes Geschichte mit dieser Welt und können einen Unterschied machen, können handeln, Leben und Gesellschaft gestalten, Natur schützen, Menschen
    beistehen, aktiv für unsere Meinung eintreten, etwas bewirken.
  2. Nachfragen und Zuhören Ihr Lieben, was mich an Pontius Pilatus fasziniert ist: Er fragt nach bei dem Angeklagten persönlich! Nimmt sich Zeit. Und auch Herodes Antipas trifft – so sagt die Bibel zumindest – Jesus persönlich. Vielleicht scheint uns das eine Selbstverständlichkeit – aber nehme ich mir die Zeit wirklich nachzufragen, wenn mir etwas über jemanden zugetragen wird? Bin ich bereit, persönlich nachzufragen, bevor ich meine Meinung verhängen? Bin ich dazu bereit jetzt in
    meinem Alltag, der geprägt ist von „aufeinandersitzen“ und „einanderaushaltenmüssen“ und fehlendem Ausgleich zu meiner Familie? Nehme ich mir die Zeit?
  3. Haltung bewahren
    Nun können wir wohl, liebe Gemeinde, Pontius Pilatus zugutehalten, dass er sich die Antwort nicht leicht gemacht hat. Er hat gründlich nach der Schuld Jesu geforscht und ist auch zu einer klaren Antwort gekommen. Jesus blieb in seinen Augen unschuldig. Auch in Herodes Augen trifft Jesus keine Schuld. Doch am Ende waren beide nicht in der Lage, als ein gerechter Richter „NEIN“ zur Anklage zu sagen. Und ich frage mich, wie rede ich? Wenn die Stimmen um mich so laut sind. Wenn alle anderen scheinbar eine andere Meinung haben? Bin ich bereit, mich selbst mutig zu meiner Entscheidung zu stellen?

Ihr Lieben,
Menschen wie Herodes und Pilatus, die zwar Macht haben und entscheiden müssen, scheinen manchmal unbeteiligt zu sagen: „Macht doch was ihr wollt“.
Eigentlich sind sie guten Willens, aber nicht menschlich genug, sich offensichtlich auf die Seite der Opfer zu schlagen. Sie tun alles, um möglichst unbeschadet durchzukommen.
Damals bei Jesus. Damals im 3. Reich. Und heute?
Und bei mir? Ja, wie ist das mit mir?

  1. Machthaber:innen heute
    Liebe Gemeinde,
    Pilatus und Herodes stehen für die politische Macht in der Zeit Jesu. Ich glaube, beide sind und handeln vermutlich ganz „normal“. Sie überlegten wie heutige Politiker:innen
    (vor allem kurz vor Einer Wahl wie diesen Monat oder dieses Jahr), wie sie ihre politischen Ideen voranbringen können und wie sie an der Macht bleiben können. Herodes und Pilatus handeln klug – sie wollen an der Macht bleiben und mit weiterhin gut mit Jüdischen Leiter:innen zusammenarbeiten. Sie handeln „taktisch“. Und das ist nicht unklug. Aber es hat seinen Preis. Bei Herodes und Pilatus sind Menschen gestorben, ist Jesus gestorben. Sie haben Schuld auf sich geladen. Und ja, sie brauchen die Vergebung Jesu. Obwohl sie vielleicht alles „richtig“ gemacht haben. Auch darin erkenne ich mich wieder: Ich treffe manchmal auch Entscheidungen, die Menschen beeinflussen, manchmal sogar verletzen. Ja, auch ich werde schuldig an anderen Menschen. Und muss und darf um Vergebung bitten. Mein „Nein“ und mein „Ja“ verantworten.

Ihr Lieben,
Entscheidungen zu treffen ist nicht immer einfach. „Nein“ zu sagen ist nervig. Und ich fühle mich in der Regel auch unwohl damit. „Nein“ zu sagen kostet Kraft. Man muss
widersprechen, sich widersetzen, gehört manchmal einer Minderheit an oder steht womöglich allein auf weiter Flur. „Jedes Nein beruht auf einem großen Ja.“ Habe ich gelesen. Ja, es braucht schon gute Gründe und einen festen Standpunkt, um dabei souverän aufzutreten. Ich glaube, viele von uns kennen Situation aus ihrem Leben, in denen man mit sich ringt, wie man sich verhalten soll. Dabei ist uns klar, dass wir uns selbst schwächen, wenn wir entgegen unseren innersten Überzeugungen handeln.
„Jedes Nein beruht auf einem großen Ja.“

Wie gut, dass ich – du – sie – wir unser Leben und damit unsere Entscheidungen auf einem festen Standpunkt, einem standhaften Fundament gestalten dürfen. Denn vor unsrem Leben steht ein großes „Ja“ – das große „Ja“ des Schöpfers. Ein Ja, das uns die Freiheit gibt, selbst zu entscheiden. Ich kann die Möglichkeiten des Lebens ausschöpfen, spüren, dass ich ein freier Mensch bin, selber denken, entscheiden, handeln. Ich muss nicht gefällig oder taktisch klug oder angstvoll entscheiden, sondern ich darf aus der Gewissheit heraus entscheiden, dass ich „bejaht“ bin.

Dieses „Ja“ Gottes zu uns, seinen Töchtern und Söhnen, gibt mir auch die Chance, mich nicht abhängig zu machen von dem Urteil und der Meinung anderer Menschen. Ganz
ehrlich – das fällt mir persönlich sehr schwer. Ich höre ganz genau hin, was ihr mir in aller Liebe zurückmeldet. Ich spüre öfter als mir vielleicht manchmal gut tut in mich hinein und frage mich, wie ich wohl gut ankomme. Und ich ertappe mich dabei, dass das Gefühl der „Angst“ mich leitet. Die Angst, etwas falsch zu machen, zu kurz zu kommen, die
Angst alleine dazustehen, die Angst abgelehnt zu werden. Die Angst Ansehen zu verlieren. Die Angst ist es, die mich oft leitet.

Ihr Lieben, wie gut, dass Gott mich auch mit diesen Fragen
versteht! Ja, ich glaube, Jesus liebt auch Herodes und
Pilatus- was hätte er auch ohne sie gemacht?

Liebe Gemeinde:
Von Pontius zu Pilatus – wer übernimmt Verantwortung?
Lasst uns mutig sein. Und Umkehren. Umdenken.
Lasst es uns tun – und diese Woche der Versuchung
widerstehen, die Angst bestimmen zu lassen. Und darauf
verzichten, andere anzuklagen.
Jedes „Nein“ beruht auf einem großen „Ja“.
Und es wird mir täglich neu zugesprochen.
Mir seiner Tochter, seinem Sohn, seinen Kindern.
Trotz mancher Schuld. Trotz der Angst.
Und mit der Angst. Und der Schuld.
Jesus sei Dank!
Amen