Wovor fürchten Sie sich?

Predigt zu 2. Timotheus 1,7-10

Von Pastorin Katharina Sautter (mit Verwendung von Ideen und Gedanken von Kolleginnen und Kollegen)
Hoffnungskirche am 27.09.2020

Liebe Gemeinde,
Wovor fürchten Sie sich? Und ich meine jetzt nicht Angst vor Spinnen oder Ratten, Hunden oder der Höhe. Ich meine – wovor fürchten sie sich tief in ihrer Seele. Wo
spüren Sie den Geist der Furcht in Ihrem Leben? Geist der Furcht – das sind nicht die Ängste, mit denen wir in der Regel lernen können zu leben. Geist der Furcht – das
sind die Ängste, die uns stark beeinflussen, die uns bestimmen und die uns hilflos machen. Solche Ängste können ganz vielfältig sein: Die Angst vor der Dunkelheit
und vor den eigenen Abgründen. Das unerträgliche Herzklopfen beim Warten auf die Diagnose. Die Verzagtheit vor einer Prüfung und die Sorge zu versagen.
Die Angst um unsere Lieben und die Angst, sie zu verlieren. Die Angst vor dem Verlust von Position und Arbeitsstelle. Die Angst sich anzustecken. Die Angst vor den rasanten Umwälzungen in unserer Gesellschaft und dem globalen Chaos in der Welt. Die Angst, das eigene Leben nicht mehr in der Hand zu haben. Die Angst, das Leben zu verfehlen. Und nicht zuletzt die Angst, alles zu verlieren, das Leben selbst. Die Angst vor dem Tod. Wir haben das Leben nicht ohne die Furcht. Wofür fürchtest du dich?

Ihr Lieben, mitten hinein in diese grundlegenden Fragen spricht der für heute vorgeschlagener Predigttext. Wie ein lautes „Fürchte dich nicht!“ kann man ihn hören. In
einer besonders angstvollen Zeit verfasst der Apostel Paulus einen Trostbrief an Timotheus, seinen Mitarbeiter. Wir wissen heute, dass dieser Brief eigentlich gar nicht von Paulus stammt, er ist lange nach dessen Tod geschrieben worden von einem Unbekannten aus der Zeit um 90-100 n.Chr. Man könnte sagen, da schlüpft jemand in die Haut des Apostels, um mit dessen Autorität die Menschen zu stärken und zu
ermutigen.

Dieser Paulus sitzt im Gefängnis, er muss mit dem Tod rechnen, und aus dieser Not heraus schreibt er an einen, der den Mut verloren hat. Timotheus verkündigt das
Evangelium, aber die Menschen wollen ihn nicht mehr hören. Es gibt viel interessantere Botschaften. Sie kehren sich von ihm ab, sie kritisieren ihn, sie feinden ihn an,
verleumden ihn, bedrängen ihn. Er kann nicht mehr. Er hat Angst. Er verzagt. Da kommt dieser Brief und er liest darin:

Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht,
sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.
(2. Tim 1, 7-10)

Ihr Lieben,
wir haben in den letzten Monaten so manchesmal diesen Vers gehört und gelesen und auch ausgelegt bekommen.
Ja, Ich kenne solche Angst. Ich kenne die drängenden Gedanken in mir, die Angst vor Verlust. Ich kenne den Geist der Verzagtheit! Und er ist mir
begegnet.

Wie gut, dass er in der Bibel nicht verschweigen wird, denn der Geist der Verzagtheit ist auch heute unter uns überaus lebendig:

  • Manche packt dieser Geist der Verzagtheit mit Blick auf das aktuelle Weltgeschehen: Flüchtlinge, brennende Flüchtlingslager, Terror, steigende Infektionszahlen, Rechtsradikale Strömungen und vieles mehr
  • Andere verzagen mit Blick auf berufliche Herausforderungen: Kurzarbeit, Homeoffice, Stellenkürzungen, Selbstständigkeit – die neu übertragene Aufgabe, die eigentlich viel zu groß scheint. Oder die Krise, deren Ende nicht in Sicht ist.
  • Wieder andere erfüllt der Geist der Verzagtheit im Bereich des Persönlichen: die Ehe, die nicht mehr zu retten scheint. Oder der Körper oder die Psyche, die schwer angeschlagen sind. Solche Dinge machen uns große Angst – lassen uns zurecht verzagt sein.
  • Und bei uns Kirchens – wenn wir ganz ehrlich, dann sind einige, die uns sehr lieb sind, in den letzten Jahren weggeblieben aus unterschiedlichsten Gründen. Was haben wir für noch für eine Aufgabe? Wie können wir die erreichen, die nichts von Gott wissen?

Das alles ist guter, herrlicher Nährboden für den Geist der Verzagtheit. Den Geist der Erschöpfung, der Entmutigung und der Zukunftsangst.

Ihr Lieben, Angst hat mit Enge zu tun. Die Blutgefäße verengen sich. Das Herz pocht und pumpt das Blut fünfmal schneller durch den Körper. Die Muskelspannung nimmt zu. Alles verkrampft sich. Angst kann Menschen die Lebensimpulse nehmen, die Lebendigkeit. Sie kann blind machen und die Handlungsspielräume ganz klein werden lassen.

Wenn der Timotheusbrief gegen Angst und Furcht anredet und anschreibt, dann geht es nicht darum, die Angst einfach weg zu machen. Es geht darum, ihr die Grenzen zu zeigen. Ihr den Anspruch auf unser Leben strittig zu machen. Sie nicht überhand nehmen zu lassen.

Um den Geist der Furcht in die Grenzen zu weisen, braucht es viel. Ein „Hab keine Angst!“ reicht da nicht. Das weiß auch dieser Paulus im Gefängnis und darum setzt er der Furcht eine ganze Theologie entgegen und erinnert an die Grundfesten des Glaubens.

Wenn ich unterzugehen drohe vor lauter Furcht, dann kann das helfen: Erinnert zu werden an das, was mich trägt und hält, was da ist und nicht verloren geht. Von Gnade ist da die Rede, vom selig gemacht sein, von Offenbarung und Licht und Evangelium. Theologische Formulierungen – und es mag sein, dass sie mich nicht ganz erreichen. Vielleicht hat auch der verzagte Timotheus mehrmals lesen müssen.

„Jesus Christus hat dem Tod die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht.“, steht da. Der Tod hat verloren, heißt das. Ob
Timotheus das verstanden hat? Ob ich das verstehen und glauben kann? Wie wäre es wohl, wenn wir so leben würden, dass der Tod keine Macht mehr über uns hätte?
Wenn der Angst ihre ärgste Spitze – nämlich die Angst zu sterben – genommen wäre? Was wäre das für ein Lebensgefühl, Gottes Gnade vor und hinter uns zu wissen, und ganz aus der Hoffnung heraus zu leben, dass wir im Letzten nichts zu fürchten haben?

Liebe Gemeinde, ich ginge so gerne mit solchem Mut durch die Tage. Und es gibt sie: Tage und Zeiten, in denen mir das gelingt. Aber dann kommen eben doch auch immer wieder die Zweifel und mit ihnen die Furcht, dem Leben nicht gewachsen zu sein. Und dann brauche ich klare Gegenworte: „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht,
sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“

Was für eine Zusage, was für ein Zutrauen: Wir haben den Geist Gottes in uns, er ist uns gegeben. Gott hat uns einen Geist gegeben, das steht am Anfang des Glaubens.
Schon vor allem, vor der Taufe hat Gott an uns gehandelt! Wir sind begabt worden. In uns stecken Kräfte, die wir entdecken müssen. Jeder Glaube in mir ist nur eine Antwort auf das, was GOTT schon längst in mir bewirkt hat. Zuerst handelt Gott. Ohne dass ich dafür
irgendetwas leisten muss und obwohl ich oft so kleinmütig bin. Und dieser Geist Gottes in mir hat vier Aspekte!

Keine Furcht: Ihr Lieben, ich möchte Furcht nicht negativ bewerten: sie erfüllt auch einen guten biologischen Sinn: sie erhöht die Wachsamkeit, steigert die Einsatzbereitschaft, das Tempo und die Ausdauer. Aber Furcht macht auch zutiefst unruhig. Diese Panik ist nicht von Gott, sagt Timotheus, der selbst allen Grund zur
Furcht hätte; er schreibt ja aus dem Gefängnis und seine Zukunftsaussichten sind wahrlich nicht rosig. Aber: Dein Glaube gibt dir Zuversicht. Es gibt einen Ausweg aus der
Furcht!

Kraft: Das griechische Dynamis ist mehr als Kraft, es ist Bewegung, Power mit Esprit gepaart. Ein vom Geist Gottes dynamisierter Mensch hat Phantasie und Ideen,
Kreativität und die Fähigkeit, sie in Taten umzusetzen. So ist der Geist Gottes: Er hilft, in einer festgefahrenen Welt der Furcht, des Terrors und der Umweltkatastrophen
überraschende neue Möglichkeiten zu entdecken und unerwartete Formen des Handelns zu realisieren und aufzubrechen, durchzustarten.

Liebe: Diese Dynamik im Geist Gottes hat eine klare Orientierung auf die Liebe hin. Da klingt Gemeinschaft, Verbundenheit, Beziehung an. Ich muss mich nicht zurückziehen, ich soll mich nicht heraus nehmen, sondern ich kann auf andere zugehen, meine Ängste
mitteilen, trösten und getröstet werden. Gottes Geist will dazu anstiften, in dieser Welt der Angst die offenen Räume der Liebe zu entdecken.

Besonnenheit: Er gibt mir Besonnenheit: Ich muss mich nicht verrückt machen, ich habe die Fähigkeit, angemessen zu beurteilen, klar zu denken und abzuwägen. Wir müssen uns immer wieder darauf besinnen, das heißt mit Sinn füllen, was wir tun. Ist mein
Handeln vor Gott verantwortungsvoll? Die Fähigkeit, dies abzuschätzen, auch dies ist eine Gabe des Geistes Gottes.

Kraft und Liebe und Besonnenheit, all das wird mir zugetraut, ich bin kompetent im Umgang mit der Angst! Glauben bedeutet also nicht, keine Angst mehr haben,
das wäre naiv.

Glauben bedeutet auch nicht, Angst verdrängen und sich stark geben, das wäre nicht nur
naiv, sondern auch gefährlich, denn unterdrückte Angst kommt wieder und kann sehr zerstörerisch sein. Aber – das lese ich aus dem Timotheusbrief: Der Glaube arbeitet an der Angst. Der Glaube kann der Angst einen Riegel vorschieben, ihr Macht nehmen!

„Gott hat uns selig gemacht und berufen mit einem heiligen Ruf“, steht da. Was Gott uns wohl zuruft? Ich höre ihn rufen: Du bist nicht alleine, du bist nie alleine, du bist auch im Sterben nicht alleine. Wir mögen hier und jetzt den Tod erleiden – durch Christus verliert der Tod seine Macht. Durch Jesu Sterben und Auferstehen ist der Tod endgültig besiegt. Du mit deiner Furcht, du mit deinen Ängsten, ich halte dich, ich trage dich! Vertraue darauf! Und geh da hinaus, in diese Welt und erzähle den Menschen von diesem Trost, von diesem Halt, von dieser Perspektive, dieser Gnade. So viele da draußen haben Angst! So viele fürchten! Lasst uns uns nicht schämen – sondern lasst uns das voller Mut erzählen! Wir haben einen Geist der Kraft – der Liebe – der Besonnenheit in uns! Er ist da!

Ihr Lieben:
Es gibt Menschen die haben gezählt: „Fürchte dich nicht!“ steht genau 365 Mal in der Bibel. Für jeden Tag des Jahres. Wie ein roter Faden zieht er sich durch die ganze Bibel: Abraham hört ihn, als er in hohem Alter in die Fremde aufbricht, genauso wie Hagar, deren Sohn unter einem trockenen Busch im Sterben liegt. Der Engel sagt ihn Maria bei der Ankündigung von Jesu Geburt. Den Hirten auf dem Feld und den Frauen am Grab erklingt er. Und ganz am Ende der Bibel heißt es: Fürchte dich nicht! Ich
bin der Erste und das Letzte.

Die jüdische Schriftstellerin Rose Ausländer, die den Nazigräuel ausgesetzt war, Angst und Schrecken erlebt hat, beginnt ein Gedicht mit den Worten: „Wirf deine Angst in die Luft“. Da trotzt eine der Furcht mit einer fast schon spielerischen Leichtigkeit. „Wirf deine Angst in die Luft“: Ihr seid euren Ängsten nicht ausgeliefert! Ihr seid frei, ihr habt Gottes Geist und Kraft. Wirf deine Angst in die Luft! Fürchte dich nicht! Das steht über jedem Tag meines und deines Lebens! Denn:

„Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit und Furcht gegeben, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit. … Jesus Christus, unser Retter, hat selbst dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht
gebracht. So sagt es das Evangelium.“ Amen.